Slide lecture
| Author: | Armin T. Wegner | ![]() |
| Rights sold: | German | |
| Genre: | Report | |
| Number of pages: | 215 | |
| Edition: | ||
| Editor: | Andreas Meier | |
| Series: | ||
| ISBN: | 978-3-89244-800-6 | |
| ISSN: | ||
| Publishing company: | Wallstein Verlag, Göttingen | |
| The year of publishing: | 2011 | |
| Origin Country: | Germany | |
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Sample text |
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TEXT SAMPLE in GERMAN (pp. 11-26) Männer und Frauen! Die Ereignisse, die ich Ihnen heute Abend erzählen will, künden eine Geschichte des Todes. Das Unglück des armenischen Volkes und die furchtbaren Leiden, die es im Kriege durchlitten hat und die auch im Frieden von Lausanne keine gerechte Lösung gefunden haben, sind ohne Beispiel in der Geschichte des letzten Krieges; ja vielleicht ohne Beispiel sogar in der Geschichte der Menschheit überhaupt. So ungeheuer war das Verbrechen, das hier begangen wurde, dass sein Echo selbst während des Weltkrieges erschütternd über die Grenzen aller Länder drang; nur in das Herz Deutschlands und Österreichs nicht, die man auf das Schändlichste darüber belogen hatte. Als ich gegen Ende des Feldzuges als einer der wenigen Augenzeugen, die den Untergang dieses Volkes in seiner ganzen Ausdehnung mit lebendigen Blicken sahen, mit dieser furchtbaren Erinnerung nach Europa zurückkehrte und kurz nach der Revolution in der Urania in Berlin über die gleichen Ereignisse sprach, da bemächtigte sich jedoch der unter den Zuhörern anwesenden Deutschen, Türken und Armenier eine solche Erregung, dass ich den Vortrag unterbrechen musste und die Versammlung drohte in ein Pogrom auszuarten. Nicht ohne inneres Widerstreben bin ich deshalb der Aufforderung der Wiener Freunde gefolgt, von neuem über diese Ereignisse zu sprechen, denn diese Dinge sind so furchtbar, dass man selber nur ungern daran erinnert wird. Warum ich es dennoch tue? Werden vielleicht viele von Ihnen fragen. Dies geschieht aus zwei Gründen. Zunächst, weil durch die jüngst zur Regierung gelangte Herrschaft der Kemalisten in der Türkei, die armenische Frage keineswegs im friedlichen Sinne gelöst wurde. Der Sieg und der ganze Frieden von Lausanne sind erkauft worden mit der abermaligen Vernichtung und Abschlachtung zehntausender armenischer und diesmal auch griechischer Christen, die dem Vorrücken der türkischen Truppen 1922 zum Opfer fielen. Die Reste der türkischen Armenier aber sind durch den Verrat und die brutale Selbstsucht der Regierung Frankreichs und Englands um die Heimkehr in ihre früheren Wohnsitze scheinbar für immer betrogen. Noch wesentlicher aber bestimmen mich die folgenden Gründe dazu. Die armenischen Deportationen während des Krieges in die Wüste in den Jahren 1915-17 zeigen in einer selten abgeschlossenen Weise bis zu welchem Grade der Machtwahn der Staatsidee und der Blutrausch der bewaffneten Gewalt ein Land führen können. Die Kenntnis und der Einblick in diese Tragödie sind der beste und unwiderlegbarste Beweis gegen die Geisteskrankheit des Krieges an sich. Im Angesicht dieser Tatsachen scheint mir, kann es niemanden mehr geben, der auch nur wagen oder versuchen könnte, irgend eine Seite des Krieges vor seinem Gewissen oder der Welt zu verteidigen, geschweige denn zu verherrlichen. Vielleicht werden auch einige Menschen sich auf diesem Wege überzeugen lassen, wenn man den Finger immer wieder mahnend, warnend und beschwörend auf die schmerzhafte und blutigste Wunde dieses Krieges legt, dass sie ihr ganzes Leben dafür einsetzen müssen, dass die Wiederholung eines solchen Unrechtes niemals wieder geschieht. Ich werde mich dabei fast ausschließlich auf die schlichte Darstellung der Ereignisse als solcher beschränken, weil diese für sich allein eine so starke Sprache reden, dass sie durch keine politische Erörterung überboten werden können. Sie werden mir überdies auch ohne meine Zusicherung glauben, dass ich diese Schilderungen nicht wiederhole, um als Ankläger gegen das türkische Volk als solches aufzutreten, sondern einzig als eine Warnung und Mahnung gegen den furchtbaren und verhängnisvollen Dämon der Gewalt. Die Wahrheit verpflichtet den, der sie kennt, zu reden. Und ich meine, zu keiner Stunde sollten wir Deutschen und Österreicher empfänglicher sein, auch für die Leiden eines anderen Volkes, als gerade in diesen Jahren, wo wir selbst in das tiefste Elend gestoßen sind. Der Satte fühlt die Schmerzen des Hungrigen nicht, der Lahme aber ist des Blinden Bruder. Das armenische Volk ist ein uraltes Volk. 1) Karte der Türkei Seine Wohnsitze, die es länger als zweitausend Jahre innehat, liegen ursprünglich in einem geschlossenen Gebiet zwischen dem Euphrat, dem Urmia-See und dem Fluss Kur südlich des Kaukasus. Aehnlich wie Polen war dieses Gebiet zu Beginn des Krieges unter der Herrschaft dreier großer Reiche geteilt, Persien, Russland und der Türkei. Der weitaus grösste Teil des ursprünglichen Armenien liegt aber auch heute noch in der Türkei, nicht nur Zentral-Armenien mit dem berühmten See von Van, nicht nur die armenischen Provinzen Nordost-Anatoliens, die sich bis an den armenischen Taurus und das Hochland von Kurdistan erstrecken, sondern auch im übrigen Kleinasien finden sich zahlreiche und ausgedehnte Siedlungsgebiete der Armenier. Infolge seiner eigentümlichen Lage nicht weit von der Gebirgsmauer des Kaukasus, 2) Blick auf den Kaukasus den man die Völkerbrücke genannt hat, fiel dem armenischen Volke von vornherein eine besondere Rolle als Bindeglied zwischen dem Westen und dem Orient zu. Diese Lage hat andererseits auch mitbestimmend auf sein trauriges Schicksal gewirkt, indem sie es dem Ansturm fremder Volksmassen preisgab. Zum ersten Male hören wir von ihnen in den Annalen der Assyrer, in den Inschriften des Darius zu einer Zeit, als das Schicksal unseres eigenen Volkes noch im Dunkel lag. Im neunten Jahrhundert schlossen sich die armenischen Cantone zu dem Königreich Urartu oder Arrarat zusammen, 3) alte armenische Inschrift und noch heute ist die Wange des Citadellenfelsen von Van und Erzerum mit alten armenischen Inschriften bedeckt, deren Keilschrift den Assyrern entlehnt wurde. Ihre Sprache gehört zu den indo-europäischen Sprachen, obwohl sie viel orientalische Elemente enthält, ihre Rasse ist gleichfalls indo-europäischen Ursprungs, und beide werden von einigen Forschern auf die Wanderungen der Kimmerier und Skythen zurückgeführt. Aber damit wäre die Eigenart des armenischen Volkes schlecht gekennzeichnet, und ihre Sprache würde voraussichtlich lange erloschen sein, wenn es nicht die canonische Sprache einer Nationalkirche geworden wäre, lange ehe das Griechische so weit nach Osten vordrang. Es war das erste Volk, das das Christentum als Staatsreligion einführte. Schon im Jahre 410 nach Christi wurde die Bibel in das Armenische übersetzt. Seitdem haben sich Kirche und Sprache gegenseitig gestützt, und beide waren in Wahrheit nur der sich ergänzende Ausdruck des nationalen Bewusstseins der Armenier. Wie gross ihre Macht, wie reich der Glanz der armenischen Herrschaft in der Vergangenheit gewesen ist, davon legen heute noch 4) Ruinen von Ani die Kirchen und Paläste von Ani ein bedeutendes Zeugnis ab, deren imposante Ruinen aus der Zeit der christlichen Herrschaft, der Bagratiden, im Norden des Landes stammen. Diese Kirchen sind vielfach Vorbilder unserer eigenen christlichen Bauten gewesen, wie denn überhaupt der armenische Baustil in starkem Masse mitbestimmend für den Baustil Europas gewesen ist, insbesondere in der Geschichte des Kuppelbaues. 5) alte geschnitzte Kirchentür Auch ihre alten holzgeschnitzten Kirchentüren legen ein beredtes Zeugnis dafür ab, auf welcher hohen Stufe schon damals die armenische Kunst stand. Sie alle aber sind ein Ausdruck der nationalen Kirche Armeniens gewesen, durch die das Volk allein die Möglichkeit erhielt, den furchtbaren Ansturm der fremden Völkerschaften, der Römer, Griechen, Araber und Perser Stand zu halten. 6) Armenischer Priester Dabei spielten in alter Zeit nicht weniger wie in der Gegenwart die Priester dieses Volkes in der Politik wie im Leben des Alltags eine bedeutende Rolle. Es war ein demokratisches Priestertum, waren sie doch der Mund, durch welchen die Kirche zu ihnen redete. Aber auch, als die Türken die Oberhand über das Land gewannen, bedeutete dies zunächst lange Zeit für die Armenier ein Glück, unter denen sich ihr geschäftliches und bäuerisches Leben ungestört entfaltete, freilich waren die Gründe meist fiskalischer Natur. So lebten sie viele Jahrzehnte in ihren reichen, blühenden Dörfern Anatoliens. 7) Amasia Sie waren Handwerker und Bauern, Kaufleute und Gelehrte. Mit emsigem Fleiss bebauten sie die keineswegs immer fruchtbare Scholle ihres Landes. Zwischen hohen und steilen Felsen legten sie Gärten für Maulbeerbäume an, bauten Obst und Früchte aller Art (an). In ihren Städten, die in der Regel von den Häuptern gewaltiger Berge überragt werden, 8) Kaisari mit Erdschias Dagh betrieben sie eine ausgedehnte Seidenraupenzucht und errichteten Spinnfabriken. Ihre ständige Verbindung zum Westen und ihre Freundschaft zu den christlichen Missionen brachte sie bald in enge Beziehung mit Europa und öffnete ihre Herzen der Zivilisation der neuen Zeit. 9) Urfa Bis an den Rand der mesopotamischen Wüste erstreckten sich ihre fruchtbaren Ansiedlungen, von Gärten und Oelbaumpflanzungen umgeben, wie die alte Armenierstadt Urfa, aus deren Mitte sich das hohe Schiff der steinernen Kathedrale erhebt, in der einmal dreihundert Armenier bei lebendigem Leibe von den Türken verbrannt wurden. Infolge ihrer Regsamkeit und geistigen Aufgeschlossenheit entfalteten die Armenier bald eine wachsende Industrie. 10) Armenische Schneider Ueberall in den Basaren begegnete man ihrem unermüdlichen Geschäftsfleiss. Man trifft sie als Schneider, mit den Füssen die Räder ihrer deutschen Nähmaschinen in Bewegung setzend. Als Schmiede, Brotbäcker, oder Bankiers, als Kaffeehauswirte und Hotelbesitzer, während ihre übergrosse Mehrzahl das Land bebaut. 11) Armenier beim Reinigen der Baumwolle oder Teppichknüpfen Sie lieferten die besten Arbeiter für jede erwachende Industrie. Beim Reinigen der Baumwolle, auf den Dächern ihrer Häuser hockend waren sie nicht weniger brauchbar als in den Fabrikräumen der Seidenspinnerei. Ihre Arbeit lieferte ihnen Reichtum und Wohlstand für ein glückliches Dasein. 12) Armenische Frauen So lebten sie geschäftig und zufrieden mit ihren schönen Frauen und Mädchen, mit ihren ehrwürdigen Müttern, ihren kinderreichen Familien, in denen meistens noch ein rein patriarchalisches Verhältnis herrscht, und die Frau des Mannes hinter seiner Mutter zurücksteht. Viele aber verliessen von Geschäftssinn und Unternehmungslust getrieben oder auch in den Jahren der Not und Verfolgung das Land und lebten in anderen Staaten als ein nicht unwichtiger Teil ihrer Bevölkerung. In Venedig und Wien gründeten sie weltberühmte Druckereien, die auch heute auf St. Lazaro und dem Kloster der Mechitaristen hier in Wien die kostbarsten Schriften bergen. In Deutschland, in Frankreich, in Amerika, in Indien, überall finden wir sie; denn die Armenier sind obwohl die Hauptmasse in Armenien verharrt nächst den Juden das verbreitetste Volk der Erde. 13) der Arrarat Gleichmässig über Felder und Städte ihres Landes aber, über Handwerksräume und Obstplantagen erhob der Arrarat sein schneeweisses Haupt, das Wahrzeichen ihres Glückes, der ewige heilige Berg, auf dessen Spitze einst die Arche Noah gelandet war und die Taube in ihrem Schnabel den Oelzweig des Friedens brachte. Niemals im Lauf der Jahrhunderte ist es zu einem ernsthaften Zusammenstoss zwischen Türken und Armeniern gekommen, bis im Jahre 1896 der geisteskranke Sultan Abdul Hamid zum ersten Mal eines jener furchtbaren Armeniermassacre in Scene setzte, das in diesem Kriege sein noch schlimmeres Nachspiel erleben sollte. Aber auch die Schrecken dieser Metzeleien Abdul Hamids hatte die fruchtbare Rasse dieses Volkes glücklich überwunden und sich in der türkischen Revolution 14) aus der türkischen Revolution von 1908 unter flatternden Fahnen mit den mohammedanischen Bewohnern des Landes in aufrichtiger Begeisterung verbrüdert, als durch die jungtürkische Bewegung der Geist europäischer Gleichheit und Brüderlichkeit scheinbar auch im Orient seinen Einzug hielt. Seit jenen Tagen lebten sie in dem Glauben, dass auch das osmanische Reich nach dem Vorbilde Europas zu einem grossen einigen Staatengebilde werden könnte. Aber der Weltkrieg, in den sie Europa hineinriss, öffnete vor ihnen den furchtbarsten Abgrund. 15) Talaat und Enver in ihren Salons Talaat und Enver Pascha hatten den gesunden Idealismus ihrer revolutionären Jahre, der sie durch Glück und Tatkraft so bald zu Macht und Einfluss geführt hatte, schnell vergessen und verfolgten von ihren Salons in Konstantinopel aus die Ziele einer völlig veränderten und gewalttätigen Politik. Der Gedanke, der sie erfüllte, war der Traum eines starren Pantürkismus wie er in einem geheimen Beschluss auf dem Parteitag der Jungtürken in Saloniki 1910 festgelegt war. Die Türkei den Türken, die ganze Welt des Orients sollte türkisch werden. Die Verwirklichung dieses Zieles verfolgten sie aber nicht etwa durch friedliche Kultivierung und Ausdehnung ihrer eigenen Rasse, dazu waren sie, durch zahlreiche Kriege geschwächt, viel zu sehr in der Minderheit. Türkismus konnte für die osmanischen Staatsmänner immer nur heissen: rücksichtslose Ausrottung alles dessen, was nicht türkisch ist. Zur Durchführung dieser Massregel schien den türkischen Machthabern der Ausbruch des Weltkrieges der geeignete Augenblick. Die christlichen Staaten Europas waren durch ihre eigenen schändlichen Bluthändel verhindert, gegen das Vorgehen der Türken gegen ein christliches Volk einzuschreiten. Deutschland aber, das von allen Seiten befehdet sich in einer grossen Notlage befand, würde man nicht gestatten, sich um eine innere Angelegenheit seines Bundesgenossen zu kümmern, schlimmstenfalls würde man ihm mit dem Abfall drohen. 16) Dschemal Pascha Bei diesen Plänen entstand den beiden Führern der Türkei ein dritter Helfer in der brutalen Gestalt des Dschemal Pascha, des Henkers von Syrien. Er war es auch, der das Verbot erliess, bei Todesstrafe von den Vorgängen der armenischen Austreibung photographische Aufnahmen zu machen, damit kein Beweis davon ins Ausland getragen werden könnte. Die Bilder, die ich Ihnen zeigen werde, habe ich unter der Gefahr gemacht, vor ein Kriegsgericht gestellt zu werden, und später mit meinen Tagebüchern unter der Leibbinde versteckt über die Grenze geschmuggelt. Nicht alle diese Bilder habe ich selber aufgenommen, das möchte ich ausdrücklich betonen; einige wenige entstammen den Vorgängen vor einigen Jahren 1909, und ich habe sie zur Ergänzung herangezogen, da viele meiner Photographieen durch die Hitze gelitten hatten und verdorben waren; aber Sie werden es mir als Augenzeugen glauben, wenn ich Ihnen bestätige, dass sie sich von den heutigen Vorgängen leider durch nichts unterscheiden. Die weitaus grösste Mehrzahl der Bilder aber wurden von mir selber hergestellt. |
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