About Her Portraits
Author:Annita P. Panaretou
Rights sold: Greek
Genre:Novel 
Number of pages:394 
Edition:1500 
Editor:
Series: 
ISBN:978-960-05-1507-7 
ISSN: 
Publishing company:Hestia Publishers, Athens 
The year of publishing:2011 
Origin Country:Greece 

Author and his oeuvre

Summary

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TEXTPROBE S.33-40

In Delphi kamen wir mit dem Dampfer an – selbstverständlich meine ich, mit dem Schiff bis Itea und dann weiter mit dem Auto. Maria, es ist ein unvergessliches Erlebnis durch den Kanal zu schiffen. Rechts und links hohe Wände, als wär man in einer Schlucht, die man aber nicht durchwandert. Erhaben. Wäre die Durchfahrt länger, könnte es vielleicht beklemmend werden, doch es beruhigt, in der Ferne den weiten korinthischen Golf zu sehen. Auch konnte ich nicht umhin, mir auszudenken, was bei einem Erdbeben geschehen würde – und ich sah im Geist die Hänge nachgeben, schreckliche Erdlawinen und Tonnen an Erde ins Meer stürzen, Felsen auf das unselige Schiff einschlagen, das vielleicht hindurch treiben würde, verschüttet und eingeschlossen im unpassierbaren Kanal. Da fällt mir ein, ich muss dir unbedingt noch was Tragikomisches erzählen: Als wir in Itea anlegten, fiel eine Dame ins Wasser – man fischte sie problemlos wieder heraus, aber ich hab mich totgelacht, als ich davon hörte.
Ein feierliches Bild trat uns entgegen: Itea war wunderschön, festlich, mit Bögen und Blumengehänge geschmückt, strahlend schön. Und während wir aufwärts fuhren, warf ich einen Blick nach oben und erblickte das unglaubliche Spektakel von Gendarmen in Reih und Glied in Kilometerabstand voneinander die Straße entlang aufgestellt, wie kleine weiße Spielsoldaten.
Ich sag´s ochmal, ich schreib dir, wie es mir gerade in den Sinn kommt.
Menschen aus aller Welt und allerlei Schichten hatten sich in Delphi eingefunden, Krethi und Plethi, wie man so sagt. Es gab „Honorationen“ angefangen von Michalakopoulos und Papanastasiou bis zu Personal von Botschaften – selbst der japanische Botschafter war da. Es gab auch etliche Ausländer – selbst Amerikaner, die extra für diesen Anlass vom anderen Ende der Welt gekommen waren; ich muss zugeben, dass ich gerührt war. Und schließlich, wie denn auch sonst, die zu erwartende Schar an Freunden und Bekannten von Jakob; alle fünf Schritte blieben wir stehen und grüßten in einem fort.
Großes Tohuwabohu. Ein unwirkilches Spektakel, unbeschreiblich komisch. Da waren welche – schätze mal Schauspieler – mit antiken Kurzmänteln, hochelegante Atthiden in Scaparellimodellen, Einheimische mit Fustanella, Delice-Kellner mit Frack, Autos, Kutschen, Pritschen, Bierkästen, Geschlachtetes, Blumen, Lämmer, Esel, Hühner, bestickte Handtäschchen, Hirtentaschen, Geh- und Hirtenstöcke, Schnabelschuhe und Lorgnon.
Inmitten der sengenden Mittagsglut – es ging auf vier Uhr zu – zogen, wie gesagt, Jakob und ich hinauf zum Theater, zur Vorstellung von „Prometheus Desmotes“. Die Alten müssen größere Ausdauer als wir gehabt haben. Sei´s der Aufstieg, sei´s die brennende Sonne - ich war fix und fertig, noch ehe wir richtig angekommen waren. Meine Abneigung für Hüte kennst du ja. Glücklicherweise jedoch nahm ich in weiser Voraussicht einen Riesenhut mit, der zuhause rumlag, vor unzähligen Jahren in Ägina von Jakob mal gekauft. Der erwies sich übernützlich in diesem Fall, seine Krempe schützt nicht nur das Gesicht, sondern auch den Nacken, die Brust und teils auch die Schultern. Ich war gerettet.
Scharen von Menschen stiegen mit uns hinauf, einige Damen mit Absätzen - in der Zwischenzeit hatte es gestern in Strömen gegossen -, da kannst du dir den schönen Anblick vorstellen, das Staksen der Absätze in dem Schlamm.
Ich sah umher, gespannt, ob ich in der Lage wär, Romanos von selbst zu erkennen – zweifelsfrei unmöglich in diesem Menschenauflauf. Ich jedoch meinte, ich müsste ihn von alleine erkennen können und suchte mir zehn Menschen unter dem Andrang aus, unter denen er sein sollte, als ich Jakob neben mir sagen hörte:
„Schau, da ist auch Kriton.“
Herzrasen. Spannung. Erwartungen. Der Wunsch zu fliehen. Stattdessen fragte ich einfach: „Wo?“
Er hob den Arm und zeigte in eine Richtung. In einer kleinen Gruppe ragte ein großer, schlanker Mann mittleren Alters mit grauem, dichtem Haar hervor – dies war der allererste Eindruck. Dann betrachtete ich seine Gesichtszüge, soweit aus der Entfernung möglich war. Lebhafte Augen, eher wulstigen Mund und vor allen Dingen wundervolle Hände, Pianistenhände (ohne Übertreibung, er sprach wirklich mit den Händen, unmöglich also, sie nicht zu beachten.) Anders konnte er nicht sein. Sein Brief aus Santorini trug exakt sein Bild.
Herzrasen. Spannung. Erwartungen. Der Wunsch zu fliehen, jetzt, wo ich ihm so nah stand. - Es ist um mich geschehen, ich bin verliebt, was heißt, ich bin, ich war´ s schon, noch ehe ich ihm richtig begegnete.
„Daphne, komm, lass mich euch bekannt machen.“
Wir brachen in die Richtung auf. Ich schritt auf das spannendste Kapitel meines Lebens zu. Wir kamen näher. Noch näher. Noch näher. Ich konnte ihn nun besser sehen. Da ist er, der Mann meines Lebens. Auf einmal wurde mir bewusst, dass ich ganz ruhig war, ich ging es an, entschlossen und mutig.
„Kriton, endlich wieder da. Nach so langer Zeit. Hier ist meine Daphne – kein Kind mehr. Daphne, Herr Romanos.“ (Was ist hier los? Es kann doch nicht sein.) Ein Arm streckte sich, ein anderer ihm entgegen. Für einen Moment sah ich verzweifelt zu Kriton Romanos hinüber, der nicht Kriton Romanos war. Als bat ich ihn, mich zu retten.
„Freut mich sehr, dich wiederzusehen, Jakob. Freut mich, dich kennenzulernen, besser gesagt, dich neu kennenzulernen, Daphne.“
(Mein Gott, er ist es nicht. Der neben ihm steht, ist es.) Ich blickte seinen Nachbarn beinah fassungslos an, denn bis eben, zehn Sekunden zuvor, war er für mich nicht da. Diesen anderen Kriton, der nunmal Kriton Romanos ist.
Die Welt ging für mich unter, vor Enttäuschung gemischt mit einem Gefühl, betrogen worden zu sein, aber ich schaffte es, den Arm zum Gruß entgegenzustrecken. Der sichere Handschlag mit seiner Wärme half mir, ein wenig zu mir zu kommen. Blitzschnell blickte ich zuerst auf die Hand. Die Hand von Kriton Romanos ist breit. Seine Finger sind weder lang noch schmal.
Nach dem ersten Schrecken, traute ich mich, ihn genauer anzuschauen. Er ist so groß wie ich, vielleicht ein paar Zentimeter größer. Er ist relativ dick. Sein Haar ist dicht und grau – die einzige Übereinstimmung mit dem Äußeren des vermeintlichen Kriton. Doch sein Blick ist jugendlich. In ihm ist ein Funke Heiterkeit.
Und sein Lächeln ist breit. Unmaniriert und großzügig.
Die Liebe verflüchtigte sich, zusammen mit der Illusion (wie schnell, wie leicht! Niemals hätte ich mir das vorstellen können.) Nun betrachtete ich ihn mir in aller Ruhe.
Ein anständiger, sympathischer, äußerst sympathischer Herr. Eine gewöhnliche Physiognomie, doch haftet ihm etwas Besonderes an, das sich mir noch entzieht. Mir fielen seinen Nasenflügel auf: sie sind groß und zittern unmerklich. Erotische Nasenflügel, empfindsame – so zumindest die Fama unter den Spezialisten der anatomischen Philologie. Dabei sind sie seinem Gesamterscheinungsbild so unpassend, dass ich lachen musste.
Als wenn plötzlich ein Bann gebrochen wär, der mich gefangen hielt, fühlte ich unbeschreibliche Erleichterung. Eine Last ging von mir, und nun bin ich heiter und guter Dinge, so sehr dass ich mich über mich selbst wundere; die große Liebe, ob sie wohl zu schwer für mich ist?
Ab da fiel es mir leicht, mich in ihren Gesprächen einzumischen, so oft ich wollte. Bestens. Sobald mich etwas interessierte, nahm ich dran teil, wenn wieder nicht, ignorierte ich sie und gaffte gleichmütig in das Gedränge.
Im Theater setzten wir uns alle drei beisammen, Jakob in der Mitte.
Ich besah mir die Landschaft, während ihre Stimmen sich mit den Rufen „comme sta“, „mais oui cheri“, „hock dich hin, Mensch“, „pardon me“ vermengten – Romanos´ Stimme ist jedenfalls tief und warm wie sein Blick und sein Handschlag, um aufrichtig zu sein, ist sie besonders angenehm. Auf mich wirkte sie wie ein Wiegenlied. Ihn zu hören, ohne ihn zu sehen, ist sehr angenehm.
Sicher hinter den Fenstern meiner selbst, passierte ich nochmal jene herzzerreissenden fünf Minuten Revue, die die Marter einer seelischen Neugeburt würdevoll getragen hatten: zuerst im siebten Himmel, dann im siebten Hades, schließlich ein Augenblick der Ruhe, der bitter nötig war. Personen, die nicht jene waren, die ich glaubte, Situationen, die nicht so waren, wie ich sie mir vorgestellt hatte. Ich wollte Romanos einen letzten Bilck werfen und mein Leben weiterführen, mir seine Stimme im Ohr bewahrend als eine Art Trost für die getäuschten Erwartungen.
Du wirst jetzt sagen: Spielt das äußere Erscheinungsbild eine Rolle? Du als erste – und dies Jahre zuvor, als du noch nicht die heutige Reife besaßst - gabst auf anderes mehr acht, und so sehr du auch das Schöne bewundertest, hast du nicht zugelassen, dass es andere Merkmale, die dich anzogen, überschattete – du erinnerst dich, denke ich, auf wen ich anspiele.
Und nicht nur bei ihm. Ich meine, du verstehst sehr gut, wen ich noch meine, und ... ich kann nicht, Maria, ich halte es nicht aus, es dir zu verheimlichen, obwohl ich ernsthaft daran gedacht habe.
Ich habe auch Takis in Delphi gesehen, als wir auf den Beginn von „Prometheus“ gewartet haben, während ich die Anwesenden im Theater musterte, auf der Suche nach nahen und entfernten Bekannten, um hinterher in Athen oder in Paris, wenn du es wünscht, außer der delphischen Idee auch etwas zu erzählen zu haben (siehe Klatsch), über das prominente Treiben in Delphi. Und auf einmal sah ich ihn. Mein Herz machte „tak“ (vermutlich von „Takis“). Ich weiß nicht, ob ich „Oh, Kariotakis“ laut oder in meinem Innern gerufen habe, jedenfalls eins ist sicher, ich bin in Wallung gekommen, denn Jakob neben mir drehte sich um und sah mich verdutzt an. Warum habe ich mich so erschreckt? Es war durchaus normal, ihn hier zu sehen, und bei seiner Wanderlust, halte ich es gar für möglich, dass er von Athen zu Fuß hierher gekommen ist. Dann dachte ich mir, dass mein Herz laut klopfte stellvertretend für deins. An deinem statt. Als wärst du da gewesen. In diesem Augenblick war ich du.
Ich kam wieder zu mir und beobachtete ihn eine Weile. Er hat mich nicht gesehen, er saß in einiger Entfernung, doch selbst wenn er mich gesehen hätte, würde ich ihm nur zuwinken und nichts weiter, zumal die wenigen Worte, die wir einst miteinander wechselten, keine größere Vertrautheit zuließen. Wie immer war er gepflegt und gut angezogen. Er war nicht in weiblicher Begleitung (es ist mir ein Bedürfnis, dir das zu sagen, obwohl ich dir vermutlich damit keinen Gefallen tu), jedoch war er von verschiedenen bekannten Gesichtern umgeben, mit denen er dann und wann lächenld – wie immer - ein paar Worte wechselte, während er – wie alle Anwesenden - die Umgebung und die Umgebenden musterte. Ich erkannte in seinem Lächeln einen Hauch Ironie und Geringschätzung. Galten sie – wie ich Grund zur Annahme habe – der Untergruppe des homo sapiens mit der Bezeichnung „bourgeoisie“, so war ich ganz seiner Meinung: die Menschenmenge, die sich in Delphi versammelt hat, war unbeschreiblich bunt. Im Grunde sah man drei Klassen – Klassen? nee, besser gesagt Arten von Menschen. Auf der einen Seite die Einheimischen. Ein wenig verlegen, ein wenig stolz, ein wenig neugierig. Auf der anderen Seite, jene, die in der Lage waren, die Idee zu erfühlen, die sie nach Delphi geführt hatte. Jene, die in der Lage waren, vor der Erhabenheit der Stätte zu schweigen. Schließlich die lächerliche mondäne Gesellschaft, die im Grunde Ungehobelten und ganz und gar Nichtsahnenden. Die mit ihren Reichtümern Prahlenden und grundlos Lärmenden, die bis zur Indiskretion Neugierigen und bis zur Verzweiflung Selbstgefälligen – welcher Wind hat so viele von dieser Sorte hierher geweht? Warum waren sie nicht unter sich geblieben, Karten spielend, mit ihren Bediensteten schäkernd, die Börse und die neueste Chanel Collection verfolgend? Eine war mit ihrem Hund gekommen, den sie die ganze Zeit auf ihrem Schoß hatte. Arme Kreatur. Es handelt sich wohl um eine weltlweite Orginalität: der erste Hund, der ein antikes Drama in einem antiken Theater verfolgt hat.
Ich komme wieder auf Takis zurück. Als die Vorstellung begann, war er verzückt, mit Leib und Seele war er in dem, was auf der Bühne geschah und in der Luft schwebte, versunken. Dasselbe spürte auch ich, ich glaube, es geschah allen, selbst der dritten Art.
Als „Prometheus“ zu Ende ging, sah ich zu ihm hinüber. Er blieb noch einige Sekunden bewegungslos, dann begann er zügellos zu applaudieren, er schien ganz außer sich. Danach habe ich ihn nicht wieder gesehen.
Ich denke, es ist genug mit dem Thema. Auch wenn vergeblich, werde ich dennoch versuchen, dich auf andere Gedanken zu bringen. Schließlich war Delphi viel wichtiger und größer als er, und ich muss dir darüber schreiben. Auch wenn dich bei der ersten Lektüre dieses Briefs vorrangig nur das interessiert, was mit Kariotakis zu tun hat, so weiß ich doch, dass du ihn irgendwann wieder in die Hand nimmst, den Zauber einzusaugen, nicht so sehr den der Feierlichkeit als der Stätte – nein, nein, nicht den Zauber - wie soll ich sagen -, die Verzückung, die Erhöhung vielleicht? Eine allgemeine Erhebung aus dem Staub der Geschichte...
Maria, in jenen Augenblicken habe ich dich gebraucht – den ersten Eindruck miteinander zu teilen, und seine unvermittelte Wucht, um dann zu einem Schluss zu kommen, zu einem Destillat.
Lass Kariotakis beiseite – wie auch ich die Seifenblasen um Romanos weggeblasen habe. Lass das Fliehen und den Überdruss. Nichts von alledem würde dich in Delphi plagen. Andere Gefühle würden dich wegreißen und erschüttern. Bei Ausgang der Festspiele, als die Menschenmenge sich lichtete, und alles in der untergehenden Sonne zu versinken begann, würde die Landschaft erwachen und ihren Teil beanspruchen. Wie ist es möglich, dass so viel Klarheit mit so viel Mystizismus im Einklang steht?
Siehe, das ist ein interessantes Studienthema: der Raum in Anwesenheit des Menschen, der Raum ohne die Anwesenheit des Menschen.
Da siehst du, was du verpasst hast.
Ich habe dich gebraucht, und dies nicht nur zur Gesellschaft in Delphi. Aber du zogst es vor zu fliehen. Aus deinem Leben und aus unserem Leben, all jener, die dich lieben und bei sich haben wollen. Hast du es zumindest geschafft? Wenn nicht, bin ich mir sicher, dass es dort die Hölle für dich sein wird. Die Schauspielerei einerseits und am anderen Ende die Nähkunst, worin haben sie dir geholfen? (Über die Bedeutung der Nähkunst habe ich meine Meinung jedenfalls revidiert, wiederum dank Delphi: die sagenhaften Kostüme von „Prometheus“, ich meine damit die Gewänder und Kleider; Eva Sikelianou hatte sie zusammen mit einer Gruppe von Frauen gewebt, und sie waren ein Meisterwerk, ein Gedicht. Siehst du, noch ein Grund, weshalb du nicht hättest fehlen dürfen.)

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