Ein Koffer voller Wünsche
Author:Martin R. Dean
Rights sold: German
Genre:Novel 
Number of pages:280 
Edition:4090 
Editor:
Series: 
ISBN:978-3-902497-92-5 
ISSN: 
Publishing company:Jung und Jung, Salzburg 
The year of publishing:2011 
Origin Country:Austria 

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Textauszug S. 20-22

Am Abend rufe ich voller Sehnsucht Maia an, bringe es aber nicht über mich, von der neuen Wohnung zu berichten. Stattdessen rede ich mir meine Faszination über die Stadt von der Seele. Maia hört mir zu,aber es ist, als würde sie sich statt jedes Satzes, den ich sage, einen anderen wünschen. Maia will von mir ein ausdrückliches Bekenntnis zu unserer Beziehung. Sie will, dass ich meine Fluchtinstinkte überwinde und mit ihr in der Schweiz sesshaft werde.
„Wie sieht denn dein Tag aus?“, fragt sie mich.
Und während ich ihr antworte, spüre ich, dass bereits eine dünne Wand zwischen uns steht. Ich sehe, wie ich meine Tage hier verbringen werde, ohne dass mir eine letzte Gewissheit zuwächst. Warum sage ich ihr denn nicht, dass ich mich nach ihr sehne, nach ihren beiläufigen Zärtlichkeiten, nach ihren Küssen beim Einschlafen, nach ihrer Hand, die sie schwerelos auf meine Schulter legt? Immer halte ich meine letzten Geständnisse zurück, so wie ich vor den letzten Entscheidungen zurückschrecke.
„Ich höre, wie du vor dich hindenkst, Filip“, sagt sie. „Seit du gegangen bist, vermisse ich deine Küsse, deinen ironischen Blick auf die Welt, die mir ohne dich flacher und eindimensionaler vorkommt. Seit du weg bist, muss ich oft an meine Jugendzeit denken, an meine Freundin Mara, die auch ein bisschen verrückt war, wie du.“
„Und was ist aus Mara geworden?“
„Sie hat geheiratet und drei Kinder bekommen,warum fragst du?“
„Siehst du!“
„Als ich sie das letzte Mal gesehen habe, ging es ihr gut.“
„Vielleicht wird sie sich bald von ihrem Mann scheiden lassen.“
Nun habe ich sie wieder ohne Absicht beleidigt. Ich bereue meine Worte, bereue meine Ungeschicklichkeit am Telefon, dessen Scheinnähe mich immer wieder zu großartigen Ausrutschern verleitet.
„Weißt du, mit diesem Hin und Her bindest du mich erst recht an dich. Ich hab gar keine Lust, dich loszulassen. Aber wenn du weiter bockst, rufe ich dich in Zukunft nicht mehr an und versuche dich zu vergessen.“
Die Drohung löst solche Abschiedsgefühle in mir aus, dass ich augenblicklich weiche Knie kriege. Ich weiß, dass Maia nie übertreibt, nie lügt, nie daherredet, nie ungenau ist. Ich sehe sie in einem Fluss fortschwimmen.
„Aber noch werde ich es nicht tun, sondern bei dir in London sein. Mit dir durch die Straßen gehen, neben dir die Themse entlang schlendern, dir in einem Pub gegenübersitzen. Mit dir abends ein Konzert besuchen.“
„Du machst mich wahnsinnig, Maia, ich liebe dich.“
„Ich dich auch.“
Ich versuche, ihre Worte zu behalten. Eigentlich müsste ich mir das Telefonat Wort für Wort notieren, aber das wäre absurd. In wenigen Sekunden werde ich allein sein und mich an dieses Gespräch wie aneinen Strohhalm klammern.
Bevor Maia auflegt, sagt sie, mein Freund Fred habe angerufen und die Nummer eines Bekannten in London hinterlassen, bei dem ich mich wegen eines Jobs melden könne. André Kaltenbacher ist sein Name, er sei in einem Reisebüro tätig.

Nun sitze ich also seit einer Woche hier in einem Reisebüro an der Bedford Street und lerne, wie man Reisen in die Schweiz verkauft. „Selling Switzerland“, so umschreiben André Kaltenbacher und meine neuen Kolleginnen und Kollegen im Callcenter diese Tätigkeit. Sie alle im Office von Helvis Tourism verkaufen einen kleinen, splittergroßen Teil der Schweiz. In Wirklichkeit, das merkte ich schnell, verkaufen sie die Schweiz natürlich nicht, sondern vermieten sozusagen nur einzelne, touristisch bewirtschaftete Landstriche, eine Berghütte mit Alpenpanorama bei Sonnenuntergang, Seilbahnen über gämsenbewohntenFelshängen und Städte an Urlauber. Sie verkaufen Stimmungen, Atmosphärisches, Erholungsmöglichkeiten, mit einem Wort: Sehnsuchtsdestinationen.