| Author: | Katharina Geiser | ![]() |
| Rights sold: | German | |
| Genre: | Novel | |
| Number of pages: | 380 | |
| Edition: | 2005 | |
| Editor: | ||
| Series: | ||
| ISBN: | 978-3-902497-89-5 | |
| ISSN: | ||
| Publishing company: | Jung und Jung, Salzburg | |
| The year of publishing: | 2011 | |
| Origin Country: | Austria | |
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Summary |
Reviews |
Sample text |
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Auszug aus: Die Gezeiten Da landen die Deutschen. In Scharen, wie eine Käferplage. Vom Meer her setzen sie auf die Insel über, einige besonders fette Exemplare fallen aus der Luft. Im letzten Kriegssommer – das vorweg – werden die Machthaber selbst vor den Kartoffelkäfern als höchst bedrohliche Invasoren warnen und deshalb an das Verantwortungsbewusstsein aller Einheitsführer appellieren, die den hintersten und letzten Mann trotz aller dienstlichen Inanspruchnahme dringendst zur Bekämpfung des Kartoffelkäfers einsetzen sollen. Dem akkurat gestreiften und mit klitzekleinen Orden geschmückten Feind sei bewaffnet entgegenzutreten, Auge in Auge, Mann um Käfer. Mit Kalk-Arsen wird er zu besprengen sein. Jetzt aber, vier Jahre davor, wäre die vom Nordwind geschützte St. Brelade’s Bay noch zu rühmen, Ednas Eintöpfe mit reichlich Kartoffeln und ihre selbstgemachte Black Butter auf Weißbrot. Oder Jerseys Honig, Milch für Gesundheit und Genesung, ja, und vielleicht sogar der ungemein warme Frühsommer, der den kräftigen, würzigen Wind oben auf den Klippen ausdünnt. In diesem Frühjahr fällt Ednas Unbeschwertheit noch mehr auf. Abends vergnügt sie sich in der Bar des Hotels oder im Pub oben an der Kreuzung und lässt sich von ihren Tänzern eins ums andere Gläschen Sherry spendieren. Suzanne kniet an den Beeten, flucht danach über die schmerzenden Gelenke, und beiläufig scherzt sie übers Nichtjüngerwerden. Lucy jedoch sieht das Gift in ihren wachen Nächten und lauscht. Wieder und wieder kommt sie auf riesige Umwälzungen zu sprechen. Ihr graut vor der schreienden Sturmflut, dem deutschen Wahn. Vor dem Brusttrommeln der Mitbrüller. Aber dann, Ende Juni 1940, bekommt Lucy Gewissheit. Die Insel steht kurz vor der Okkupation. Englische Soldaten haben den Hafen von Saint-Malo gesprengt, um den Deutschen doch noch ein Hindernis in den Weg zu legen, und Jersey schickte Schiffe, um die Engländer in Sicherheit zu bringen. Diese Schiffe aus Saint-Malo, erzählt Lucy später Suzanne, sind vorhin in St. Helier gelandet. Als ich nach den Einkäufen mit Edna zur Bushaltestelle wollte, gerieten wir in den Sog der Menge, und unversehens standen wir zuvorderst am Hafen und sahen die Soldaten, die eben an Land gingen. Einer fiel mir besonders auf, als er sich über die Landungsbrücke schleppte. Er hatte die Augen von Robert Desnos. Die Köpfe der übrigen englischen Soldaten hingen vornüber. Jener Soldat aber blickte geradeaus und schaute, in einer sonderbaren Mischung aus Stolz und Verlorenheit, genau in unsere Richtung. Er trug keine Schuhe, kaum einer der Soldaten hatte Schuhe an, er jedoch trug nur ein lose flatterndes Hemd. Mir verschlägt es die Sprache. Aber Edna sagt, dass der junge Soldat auch mit Hose kaum Chancen bei den Frauen gehabt hätte. Ich hätte sie, na, du weißt schon! Nichts hättest du – Wenigstens bahnt sie uns einen Weg durch die Menschenmenge, und ich bin froh, als wir im Bus sitzen. Meine Strafe ist Schweigen. Sie lässt sich nicht beeindrucken, bleibt gesprächig. Sagt, dass sie gestern Abend im Pub die Wetten der Einheimischen belauscht habe. Ob die Deutschen sich mit oder ohne Gewalt der Insel bemächtigen würden. Stell dir das vor. Ich stell’s mir lieber nicht vor. Suzanne hat Lucy fortwährend beobachtet. Wie sie durch die drei Sonnentrapeze hindurchgegangen ist, die durch die offenen Fenster ins Zimmer fallen. Und wie sie nun da steht. Mit leicht gewinkeltem Nacken. Das Meer ist weit draußen, der Wind lässt die Palmenblätter rascheln. Einmal schreien Kinder. Oder Möwen. Lucy fixiert sekundenlang einen über den Boden gleitenden Flausch, eine Wollmaus aus Staub und Haar. Was werden wir tun, wenn sie sich in unsere Nähe drängen? Oder gar unser Haus einfordern? Sollten wir losheulen wie die Kinder? Nein, wir werden nicht öfter und nicht seltener weinen. Wie also werden wir uns benehmen? Man kann die Flut überleben. Bloß, wie stellt man das an? Reicht es, sich den Gezeitenstand im Voraus einzuprägen? Will man Sandburgen bauen und sich darin verschanzen? Mit der Zigarette im Mundwinkel lässt Lucy bei den meerseitigen Fenstern die Bambusläden herunter. Dann nähert sie sich Suzanne. Oder sind gefährliche Orte wie Beauport oder Plémont zu meiden, wenn das Wasser steigt? Unbedingt, würde ich sagen. Und wir werden rechtzeitig an den Revolver denken müssen. Da ist das Dröhnen der Aufklärungsflugzeuge, Regen bleibt immer noch aus, der Wind vertreibt die seltenen Wolken. In St. Helier stehen die Ausreisewilligen Schlange vor der Town Hall und die Hitze setzt den Wartenden zu. Wenn möglich, rücken sie in den Schatten der Häuserreihe, Kinder spielen Verstecken, ein Eismann macht das Geschäft seines Lebens, Ratschläge und Rezepte werden ausgetauscht, dort ein gewagter Witz, hier kollabiert ein alter Mann. Die Aufschriften auf den Flugzeugen sind nicht zu entziffern. Trotzdem erklärt die Logik alles. Die Insel wird Stück für Stück von den Deutschen fotografiert, Kreise aus verbranntem Treibstoff markieren die Flugpiste bei St. Peter im Westen der Insel und auch den Hafen von St. Helier. Im westlichen Süden, in St. Brelade, betätigt Suzanne den Ziehbrunnen in ihrem Garten und läuft mit der Gießkanne hin und her. Lucy besprengt die Beete mit der Gartenspritze und hat trockene, schmerzende Augen. Und wir gehören zu denen, die sich nicht rühren, sagt sie. Kein Mensch kann innerhalb von vierundzwanzig Stunden eine vernünftige Entscheidung treffen. Soll man sitzen bleiben oder auf Staatskosten nach England auswandern? Die britische Obrigkeit hat sich von den Kanalinseln losgesagt. Es sei keinerlei militärische Hilfe zu erwarten. Selbstverständlich werden die Deutschen auf keinen bewaffneten Widerstand stoßen, denn die Jerseymiliz ist schon auf dem Sprung nach England, um dort Dienst zu leisten. Wie muss ein Bauer mit Hof und Vieh sich verhalten? Frau und Kinder fortschicken? Was sollen die alten Leute tun, die hier seit Jahr und Tag leben? Der Bailiff hat sein Amt als Inselgouverneur und will sein Bestes tun, eine prima Planung! Ich kann nicht einmal Kopfweh oder Koliken in meinen Tageslauf einplanen. Als Lucy vorschlägt, sie könnten sich aus rein emotionalen Gründen vielleicht doch auch nach England absetzen, wird Suzanne laut: Was willst du noch? Ich spüre dich, es gibt uns. Wir arbeiten im Haus, am Schreibtisch, am Strand. Das ist verdammt viel. Lucy steckt den Kopf unter die Gartenspritze und taucht wieder auf. Stimmt, ich bin einverstanden. Nahezu die Hälfte der etwa fünfzigtausend Einwohner registriert sich für die Emigration. Viele der Ausreisewilligen lassen jedoch wenig später von ihrem Vorhaben ab, als zu hören und zu lesen ist, dass die Insel auch weiterhin sicher sei, und als die zum Gehen Entschlossenen mit Ratten verglichen werden, die das sinkende Schiff verlassen. Auf den Quais in St. Helier bleibt nach dem Auslaufen aller Passagierschiffe viel Gepäck zurück. Fahrräder, sogar Autos haben die Abreisenden stehengelassen, und sofort sind interessierte Spekulanten zur Stelle. Militärflugzeuge fliegen in geringer Höhe über die Bucht von St. Brelade und beschießen das leere Meer mit Maschinengewehren. Von La Rocquaise aus erkennt man diesmal die Köpfe der Piloten und die Hakenkreuze auf den kleinen Flugzeugen, die eine große Schlaufe drehen, an Höhe gewinnen, über Le Point le Frêt ziehen und dahinter verschwinden. Starker Rauch steigt empor, zu hören sind die Bomben auf St. Helier sowieso. Um Himmelswillen, Mademoiselle Lucy, sagt Edna, es muss Tote gegeben haben, was sage ich, ganz bestimmt sind da Menschen ums Leben gekommen! Lassen sie mich meine Freunde in der Stadt anrufen, um zu hören, wie es ihnen geht, Mademoiselle! Wenn in St. Helier keiner an den Apparat geht, dann ziehen Sie falsche Schlüsse, Edna. Überstürzen Sie nichts, tun Sie etwas Nützliches, schließen Sie vor allem den Gashahn. Es wird sich früh genug zeigen, wer zu Schaden gekommen ist. Seien Sie geduldig, wir sind es auch. |
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