| Author: | Jannis Makridakis | ![]() |
| Rights sold: | Greek | |
| Genre: | Novel | |
| Number of pages: | 246 | |
| Edition: | 6000 | |
| Editor: | ||
| Series: | ||
| ISBN: | 978-960-05-1459-9 | |
| ISSN: | ||
| Publishing company: | Hestia Publishing house, Athens | |
| The year of publishing: | 2010 | |
| Origin Country: | Greece | |
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Summary |
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TEXTAUSZUG Seite 19 Am ersten Mai des Jahres 1919, jenem großen Tag der Freude der Nation also, während alle schon ausgezogen waren, um den Tag auf dem Land zu begehen, entsann sich die Herrschaft der Lichterkette und kehrte außer Atem ins Haus zurück, trug meiner Mutter auf nach dem Hissen der Fahne auch durch die Falltür auf den Giebel zu steigen, den Staub von den Birnen zu wischen und nachzusehen, ob welche kaputt seien, damit man Bescheid schicke zu ihrem Ersatz. Damit, wenn es soweit wäre und die Lichter glommen, keine Aufschrift erscheine, wie etwa „Gott schützt den Anrührer des Volkes“ und man über Nacht nicht zum Gespött der guten Gesellschaft werde. Als meine Mutter die Fahne gehisst hatte, verharrte sie kurz hinter der großen sperrangeloffenen Fensterfront der Balustrade, sah der Fahne nach, sandte ihren Gruß hinüber ins Armenviertel des Kastells auf unsere Behausung auf der anderen Seite des Kais, und nachdem sie dies getan - dessen bin ich mir sicher, denn Mutter war ein sehr emotionaler Mensch, ich bin nach ihr geraten -, stieg sie auf den Giebel, die Birnen zu wischen. Du kannst dir vorstellen, was dann folgte. Passanten fanden sie tot auf dem Kai, gequetscht von dem metallenen Gerüst der Aufschrift, blutig aufgeritzt von den Sprengseln der zerschellten Birnen, eingehüllt in der blauweißen Fahne, die sie in ihrem verzweifelten Versuch, sich festzuhalten, an jenem lichten Tag der Eroberung von Smyrna wohl gewaltsam eingeholt hatte. Also wurde sie mit und in der Fahne bestattet, heldenhaft – und seit jenem Tag war ich Vollwaise. Seite 150-157 Bei einem vergleichbaren Tanzball lernte ich zum zweiten Mal die Liebe kennen. Nicht dass ich eine Beziehung einging. Nicht einmal Kontakt hatten wir. Nee niemals. In meinem Leben hat es keinen anderen Mann neben Apostolis gegeben. Doch, wie soll ich es sagen, ich war außer mir vor Verzückung. Im ersten Moment unseres Kennenlernens ist in mir etwas zerbrochen, das nie wieder zusammenkam. Bis zum Schluss blieb es zerbrochen. Heftiges Herzklopfen überfiel mich, wenn ich ihn sah, und mir blieb die Sprache aus. Damals war Okkupationszeit. Ja sicher. Doch war sie in den letzten Zügen. Ein halbes Jahr etwa vor jenem verfluchten Tag. Auch in der Okkupationszeit wurden Tanzbälle veranstaltet. Ja sicher. Nicht all zu häufig, doch es gab sie. Und ich war stets dabei. In der Runde der jungen Leute, die ich kennengelernt hatte. Zusammen mit Thalia, Matina, Stavros, Alexandros. Wir hatten nichts zu essen, doch Tanz blieb Tanz. Das heißt, wir zuhaus hatten nichts zu essen. Und die noch Ärmeren, die vom Hunger aufgedunsen in den Gräben starben. Anfangs konnten wir uns immer wieder durchschlagen. Meister Mimakis` Spargroschen sei Dank, auch wenn er nahe dem Schlaganfall war, solange er ihn schwinden sah. Um die Mitte des Jahres `42 jedoch war all unser Erspartes aufgezehrt, und wir lernten dann den großen Hunger kennen. Nun begann auch ich Tauschgeschäfte zu machen. Ja sicher. Alle machten Tauschgeschäfte damals. Was ein jeder hatte, ob arm oder reich, wurde getauscht. Nicht die vornehmen Herrschaften, die natürlich nicht, sondern die andern, wie sagt man gleich, die Gutsituierten. Jene wie wir und etwas höher. Goldschmuck, Möbel, sogar Häuser gab man her im Tausch gegen einen Kanister Öl und einen Sack Kartoffeln. Selbst Klaviere gab man zum Tausch auf dem Land. Ja sicher. Und die Bauern stellten sie in den Hühnerstall, damit die Hennen darauf nisten und Eier legen. Einmal hat eine Ziege ihr Maul im Spiegel eines Sekretärschranks erblickt und ihn mit einem Hieb ihrer Hörner zerscheppert. Der Vorfall machte die Runde. Das war einer jener Witze, die wir uns erzählten, bevor der Tango begann. An was ich mich alles erinnere. Na ja, was soll´s. Damals machte ich mich auch auf die Suche, zu Fuß, den ganzen Tag auf den Beinen. Ich nahm auf die Schultern alles, was ich aus der Werkstatt tragen konnte, Seile, Werkzeug, Blechscheiben, Eisenkram, ging in die Dörfer und tauschte es gegen Oliven, Kartoffeln, Öl und Sonstiges, was mir die Leute geben konnten. Möcht gar nicht mehr dran denken, an all die Strapazen in der Okkupationszeit. Eines Morgens, als ich eine Rolle dicken Seils gegen einen kleinen Korb Oliven getauscht hatte und auf dem Rückweg in die Hauptstadt war - ich kam fast um vor Müdigkeit -, da hielt ich an und legte mich unter einen Olivenbaum. Den Korb mit den Oliven legte ich unter den Kopf. Es war kurz vor Weihnachten `42, ja sicher, Mutter Despoina war gerade gestorben. So war´s. Die arme Frau war plötzlich erkrankt, und wir konnten sie nicht retten. Damals bin ich los und hab ihre Eheringe an einen Hirten verkauft, damit er mir alle fünfzehn Tage einen Becher Milch gibt, doch was konnte das schon nützen. Mutter Despoina siechte dahin, im September `42 hat sie das Zeitliche gesegnet, mitten im großen Hunger. Na ja, was soll´s. Auf einmal, also, damals, als ich unter dem Olivenbaum eingeschlafen war, wachte ich auf und sah über mir einen Feldhüter. Um es nicht in die Länge zu ziehen, der bezichtigte mich, dass ich die Oliven der Bauern raubte und übergab mich der Landgendarmerie. Wer konnte mich da schon rausholen? Meister Mimakis war ein Häufchen Elend, ihm fehlte seine Frau, der Wein, das Essen und sein Spargroschen, den er mit so viel Mühen beiseite geschaffen hatte und ihn binnen eines Jahres in Luft aufgehen sah. So verfiel er zusehends und trat überhaupt nicht mehr hinaus unter die Sonne. Na ja, was soll´s, die buchteten mich ein, zwei Tage ein und ließen mich dann gehen. Sie schenkten meinen Bitten und Tränen Glauben und trieben den Bauern auf, der mir die Oliven gegen das Seil getauscht hatte, der gab alles zu, bezeugte, dass alles tatsächlich so gewesen war, dass ich die Oliven in dem Korb nicht gestohlen hatte und so kehrte ich schließlich zu uns nach Haus zurück. Seitdem bin ich nie wieder in die Dörfer gegangen. Nur zur Armenküche, sooft es sie gab. Und traf dort all jene von den früheren Nachbarn, die sich nicht heimlich in den Mittleren Osten davon gemacht hatten, all die Furien und Zankweiber vom Kastell und auch andere vom Markt, doch niemand hatte mehr Lust, mich an den Pranger zu stellen. Nun waren ja die Deutschen da, die alles beobachteten und Ruhe wollten, andernfalls zogen sie ihre Gewehre an und brüllten wild in der Gegend. Nee, nee, weder dran denken noch drüber sprechen mag ich, was ich damals alles durchgemacht habe. Na ja, was soll´s. Die anderen aber, die wirklich Reichen, all jene innerhalb des Dreiecks, hatten heißes Geld und legten obendrauf auch immer wieder was beiseite durch Schwarzhandel. Was sage ich da? Es fehlte ihnen an nichts, außer an Brot. Und hatten sie kein Geld, so hatten sie Goldsovereigns im Ausland und machten Beglaubigungen. Ja sicher. Beglaubigungen nannte man das damals. Sie gingen zu denen, die Geld hatten und holten sich Kredit. Sie beglaubigten ihnen auf einem Blatt Papier, dass sie so und so viel erhalten hatten und dass sie nach Ende des Krieges so und so viel Goldsovereigns zu erstatten haben. So gingen sie vor und hatten immer zu essen. Denn die Schwarzhändler hatten stets Lebensmittel zu verkaufen. Hör nicht, wenn sie von Hunger und Mangel reden. Nur Brot gab es nirgends. Alles andere war da. Versteckt in den Kellern und Speichern. Hattest du Geld, lebtest du wie ein Pascha. Hattest du keins, weh dir, du armer Schlucker. Na ja, was soll´s. So war, also, das Leben damals. Beglaubigungen und Tauschgeschäfte. Dies waren die neuen Wörter, die wir lernten. Ja sicher. Wovon sprach ich gleich? A ja. Von meiner großen Verzückung. Thalia hatte ihn eines Abends mitgebracht. Der Ball fand in Stavros´ Haus statt, eines meiner Mitschüler aus der Tanzschule. An dem Abend hatten wir vor lauter Tango in die nächtliche Ausgangssperre hineingetanzt. Wir blieben alle da und tanzten im Dunklen bei leiser Musik bis zum Morgengrauen. Manche schliefen in den Sesseln, andere auf dem Boden. Es war Herbst `43. An jenem Tanzabend also brachte ihn Thalia mit, und die ganze Nacht vermochte ich nicht meine Augen von ihm zu wenden. Er war so alt wie ich, aber groß, blond und hatte blaue leuchtende Augen. Er war schüchtern und höflich, mit guten Manieren. Du hättest sehen sollen, wie er die Mädchen zum Tanz aufforderte. Und wie er Griechisch sprach, welch Aussprache. Denn Nils war Schwede, ja sicher. Heilige Mutter Gottes, nie zuvor hatte ich so einen Mann angetroffen. Wo denn auch, in den Cafés und den Werften und Docks im Hafen des Armenviertels? Ich hab schier meinen Verstand verloren und war nah dran, mich im fremden Haus daneben zu benehmen, Anlass zum Spektakel zu werden. Mein Ansehen, zu verlieren, welches auch immer, das ich vor diesen jungen Leuten verdient hatte. Ich musste formell bleiben, und sehr vorsichtig. Unaufhörlich holte ich tief Luft und blies sie wieder aus, um mich zu beruhigen, doch konnte ich nicht meine Eifersucht gegen Thalia verbergen. Nun war sie doch die Tochter des Großhändlers Frangos, der obendrein auch Schwedischer Konsul in der Inselhauptstadt war, daher konnte sie auch solcherlei Bekanntschaften pflegen. Ja sicher. Während ich? Was war ich denn schon, ein Waisenkind vom Kastell, mal abgesehen davon, dass ich mich redlich hochgearbeitet und Einlass in die bürgerlichen Häuser der Hauptstadt gefunden hatte. Vor den jungen Leuten machte ich niemals einen Hehl, dass ich mich jeden Mittag in die Schlange vor der Armenküche einreihte. Wie dem auch sei. Wo hätt ich bloß einen Schweden zu Gesicht bekommen sollen? Zwischen den Kesseln und Schmiedepfannen im Schiffszeughaus oder an den Docks unter den dunklen Gestalten, deren kurze Hosen drei Nummern größer waren als ihre Hinterteile? Sicher, ich hatte Deutsche gesehen und in der ersten Zeit, als sie auftauchten, war ich von ihrer Statur beeindruckt, doch er stellte sie alle in den Schatten. In unserem Haus wohnte auch einer von ihnen. Ja sicher. Alt hieß er. Netter Junge, höchstens zweiundzwanzig, war studiert und höflich. Denn als die Deutschen in die Stadt drangen, sind sie reihum in alle bürgerlichen Häuser des Dreieckviertels, um ihre Offiziere und Soldaten einzuquartieren. Ja sicher. Sind in die bürgerlichen Häuser innerhalb des „Dreiecks“. Wo sollten sie sonst hin? Ins Kastell etwa? Schon in den ersten Tagen haben sie das gute Viertel ausgemacht, brauchten keine Visitenkarte, sie sind es, die das Viertel „Dreieck“ genannt haben, wegen der Straßenführung, die ein großes Dreieck oberhalb des Hafens bildete. Ja sicher. Also gingen sie von Tür zu Tür und inspizierten die Räumlichkeiten in den Häusern. Wie viele Zimmer, wie viele Familienmitglieder jeweils und so weiter. Alle Häuser im „Dreieck“ beherbergten je ein zwei deutsche Soldaten. Die Bewohner heckten damals so manches aus, um sie los zu werden, doch bei den meisten war es vergebens. Sie legten einen ins Bett, der den Bettlägerigen mimte, denn es ging das Gerücht, dass die Deutschen den Fuß nicht über die Schwelle setzten, wo ein Kranker lag. Andere wiederum borgten sich all die Kinder der Verwandtschaft und postierten den Schwarm vor die Haustür, jedes mal wenn der Inspektionstrupp auftauchte. Unsere Familie ist groß, erklärten sie, hier gibt es keinen Platz, hier ist viel Lärm. Wiederum andere, Hausfrauen vornehmlich, holten Waschtröge und Wischlappen raus, gossen mit Wasser herum, sobald sie sie erblickten. Auch Wasser mochten sie nicht, so ging es damals herum, sie seien wasserscheu wie die Katzen. Die arme Mutter Despoina, als sie merkte, dass Deutsche vor unserer Tür waren, sagte, ich soll mich ins Bett legen und den Kranken mimen, doch ich weigerte mich, und wir haben uns beinah in die Haare bekommen, vor den fremden Menschen. Ich wollte sie nicht verjagen, unsere armen Invasoren. Mal abgesehen davon, dass uns womöglich ein schöner Knabe zugeteilt werden könnte, der tagein tagaus in unser Haus verkehrte, dass sich das Herz nur so freut, ging es auch um gesellschaftliche Anerkennung. Es war für uns, die an der Grenze zum „Dreieck“ wohnten, genauer an seiner westlichen Spitze, die Chance zu zeigen, dass wir auch von den Deutschen bevorzugt wurden. Dass auch unser Haus Ansehen genoss, auch wenn es am Rand lag. An all dies dachte ich und weigerte mich, den Kranken zu spielen. Also bekamen wir Alt zum Hausgenossen und die arme Frau verwandt es bis zu ihrem Tod nicht. Dass sie dem Eindringling Obdach gegeben, dass sie die Heimat auf ihre alten Tagen verraten hatte. Auch wenn Alt schon bereits weg war, bevor sie starb. Ja sicher. Der Führer hat ihn an der Ostfront gebraucht, und eines Morgens kam er mit Tränen in den Augen, küsste und umarmte uns einen nach dem anderen, packte seine sieben Sachen und ging davon, so wie einst die gute Magda vom Kastell, so wie auch ich später ging und nie wieder zurückkehrte. Nie und nimmer. Na ja, sei´s drum. Copyright Sophia Georgopoulou |
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