Haus Birkenstein
Author:Britta Thiel
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Birkenstein

Der Mensch hat drei Wege, klug zu handeln.
Erstens durch Nachdenken: Das ist der Edelste.
Zweitens durch Nachahmen: Das ist der Leichteste. Und der Beste!
Drittens durch Erfahrung: Das ist der Bitterste.
(Konfuzius)





Viktoria musste sich erst einmal hinsetzen.
Ein Polizist stand neben ihr. Er stand einfach nur da.
Die Polizistin aber erklärte ihr gerade:
„Sie können den Strafantrag sofort stellen oder unter Vorbehalt innerhalb der nächsten drei Monate bei der Polizeidienststelle.”
Vicky überlegte.
Gut, das sie saß. Ihre Beine zitterten. Sie fühlte sich, vor Angst, die sie ausgestanden hatte, ehe die Polizei kam, ganz schwach.
Sie konnte noch gar nicht realisieren, das ihr Ehemann tatsächlich von der Polizei mitgenommen wurde. Er war bereits draußen. Jahrelang hatte er sie seelisch gequält, kontrolliert, bedrängt, isoliert, herabgesetzt, gedemütigt, eingeschüchtert und körperlich angegriffen. Sie war sich bewusst, das sie hier schnellstmöglich mit den Kindern ausziehen musste und sich scheiden lassen würde.
Erst als er anfing am Abend seine erwachsene Tochter mit dem Messer zu bedrohen, hatte Vicky sich mit der Kleinen ins Schlafzimmer gerettet und eingeschlossen und die Polizei angerufen.
Vier Polizeiautos mit Blaulicht und acht Polizisten kamen vor drei Stunden ins Haus. Alle Nachbarn hingen an den Fenstern. Keiner hatte ihnen vorher geholfen, obwohl sie ja auch immer sein Gebrüll gehört haben.

Es war der Vorabend des 03.Oktobers, der Tag der Einheit, 20 Jahre nach dem Mauerfall.
Vicky ´s Mann war schon einen Tag vorher aggressiv durch das Haus gelaufen und hatte mit
Jedem Streit gesucht.
Vicki hatte furchtbare Angst gehabt. Immerhin hatte er eine Schreckschusspistole griffbereit unter der Matratze des Ehebettes liegen und wie Vicki dann erst noch später
feststellen sollte, ein Messer ebenfalls.
Aus seinem Hobbyraum nahm die Polizei noch eine ganze Sammlung von Messern, Schreckschusspistolen und einen Schlagstock mit.
Vicky war erschöpft.
Mittlerweile war es 00.30 Uhr.
„Ihr Mann ist ja ein richtiger DDR- Fanatiker?”, meinte der Polizist.
„Und dann die Messer- und Waffensammlung, die wir eingezogen haben. Wir erteilen Ihrem Mann eine Woche Hausverbot. Wenn er trotzdem vor Ihrem Haus erscheint, rufen Sie uns an. Sie dürfen ihn nicht hereinlassen, wenn doch, dann heben Sie damit das Hausverbot auf. Aber sonst kommen wir sofort. Er soll morgen erst mal zu seinem Vater fahren. Meine Kollegin erklärt Ihnen noch, was Sie gleich am Montag tun sollten.”
Die Polizistin begann.
„Sie können Gewaltschutz beantragen. Das Amtsgericht kann Ihnen die Wohnung für eine bestimmte Zeit allein zuweisen. Er darf dann die Wohnung nicht betreten und muß 100 Meter Abstand zu Ihnen und der Wohnung halten. Hält er sich nicht an die Auflage können Sie jederzeit die Polizei holen, wir entfernen ihn dann aus der Wohnung und belehren ihn. Sie können dann auch er ein Zwangsgeld gegen ihn beantragen. Dazu fragen Sie aber ihre Anwältin. Gehen Sie am besten gleich am Montag zum Amtsgericht. Wenn Sie es sich nicht alleine zutrauen, suchen Sie einen Rechtsanwalt auf. Außerdem gebe ich Ihnen hier noch die Telefonnummern vom Frauenhaus, wo Sie jederzeit, tags und nachts anrufen und auch unterkommen können.”
„Ja”, Vicky seufzte.
„Aber Ihr Sohn ist wahrscheinlich zu groß, um dort mit aufgenommen zu werden“, sagte die Polizistin.
Vicky war zu betäubt und konnte kaum noch denken. Die große Gefahr, ihr Ehemann, war weg. Erst mal. Nun musste sie nach vorn sehen.
Der Mann nicht mehr im Haus. Nur noch die drei Kinder waren bei ihr. Sie zitterte und fröstelte. Der älteste Sohn arbeitete im Ausland und wusste noch nichts von alledem.
Eigentlich war Vicky nun froh, das sie alle überlebt hatten.
Bei jeder weiteren Aggression, die von diesem Mann ausging, wurde es immer schlimmer.
Ähnlich einer Spirale, wiederholt sich die Gewalt mit der Zeit immer schneller. Die ruhige Phase wird immer kürzer, die Toleranzschwelle von Vicky verschob sich immer weiter nach oben, bis sie die Gewalt gegen sich als normal, ja schon gerechtfertigt empfand.
Bis ... der Mann die Kinder brutal bedrohte. Vicky wird ihn verlassen und die Kinder mitnehmen. Sie hatte endlich eingesehen, das er sich nie ändern wird, egal wie oft er es beteuert hatte. Ihr aller Leben ist gefährdet, wenn sie mit den Kindern bei ihm bleibt. Nur... gerade in der Zeit der Trennung ist es gefährlich für die Frau – lebensgefährlich.
Es gab einfach keinen anderen Ausweg mehr, als zu gehen und ihn zu verlassen.