| Author: | Detlef Gerhardt | |
| Rights sold: | foreign rights available in all languages | |
| Genre: | Novel | |
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| Editor: | Book not published yet | |
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VIII Als Teilnehmer auf einer Art Viehauktion Wie schon geahnt, hatte die Ausbildung zum Bankkaufmann nur wenige interessante Seiten für mich aufzuweisen. Schon nach relativ kurzer Zeit empfand ich es als einen großen Fehler die Lehrstelle angenommen zu haben. Viele Arbeiten und Aufgaben waren tatsächlich extrem langweilig. Auch die meisten Fächer in der Berufsschule waren nicht geeignet mein Interesse in irgendeiner Form zu wecken. Am meisten aber hasste ich die Kleidung, die ich in der Bank tragen musste. Schon nach wenigen Monaten war ich bereit die Lehre abzubrechen und erneut auf die Suche nach einer passenderen Ausbildung zu gehen. Meine Eltern waren von dieser Idee dagegen keinesfalls begeistert. Sie versuchten so ziemlich alles, um mich davon abzubringen. Sie machten mir den Vorschlag die begonnene Lehre erst einmal zu beenden. Danach könne ich dann immer noch etwas anderes beginnen. Um ihnen letztendlich keinen Kummer zu bereiten und um mir selbst das Leben nicht schwerer als nötig zu machen, willigte ich höchst widerwillig ein, die Lehre erst einmal zu beenden. Meine Ausrede, dass ich es meinen Eltern zuliebe tat, gab mir dabei eine gewisse Rechtfertigung. Jetzt musste ich mich also schon selbst belügen. So schlängelte ich mich von nun an in der Lehre durch, wie einst in der Schule. Es blieb auch nicht lange aus, dass ich mit meiner spürbar ablehnenden Haltung nicht auf Gegenliebe bei meinen Ausbildern stieß. Gegen Ende meiner Ausbildung war in der Bank niemand mehr daran interessiert mich zu übernehmen. Obwohl ich immer noch alle mir übertragenen Arbeiten völlig korrekt und einwandfrei erledigte, waren mir doch die große Unlust und das mangelnde Interesse daran wohl deutlich anzumerken. Auf der einen Seite ärgerte mich das nicht wenig, aber auf der anderen Seite wollte ich ja sowieso nicht bleiben. Ich hätte mir gewünscht, dass man mir aufgrund meiner tadellosen Arbeit eine Arbeitsstelle angeboten hätte. Diese hätte ich dann zwar logischerweise dankend abgelehnt, aber so hätte es nun mal ganz korrekt sein müssen. Nur dann wäre der so unglaublich wichtige Anschein auch gewahrt geblieben. Noch vor dem Beginn meiner Lehrzeit hatte es einen unsagbar wichtigen Termin für mich gegeben. Der Termin meiner Musterung. Was bedeutete eigentlich dieses Wort Musterung? Schauen ob der Hund zum Teppich passte, fiel mir dazu wieder nur ein. Schon sehr früh hatte ich begonnen mich intensiv mit dem Thema auseinander zu setzen und für mich hatte von Anfang an zweifelsfrei festgestanden, dass ich den Kriegsdienst mit der Waffe verweigern wollte. Ich konnte gar nicht anders. Auch wenn ich leidenschaftlich Kampfsport betrieb, in meinem Herzen war ich Pazifist. Für mich hatte das eine rein gar nichts mit dem anderen zu tun. Aber würden die Musterungskommission und der Prüfungsausschuss das ebenso so sehen? Was für eine Frage. Die Antwort stand hier schon vor der Frage fest. Wie üblich würde nur der Schein entscheiden. Nur darauf kam es wirklich an. Kriege konnten niemals gerecht sein. Sie schafften auf beiden Seiten unendlich viel Leid. Ein Sieg auf der einen Seite bedeutet eine Niederlage der Anderen. Das staut Hass für weitere Kriege auf. Für mich gibt es keine Rechtfertigung für Kriege. Die Menschheit ist in der Lage samstags das Auto zu waschen, auf den Mond zu fliegen und Herzen zu verpflanzen und noch immer sollen Kriege Problemlösungen darstellen. Ein Teil der Menschheit gab vor den Humanismus und den Sozialstaat zu predigen, aber was war mit dem anderen Teil? Dem kleinsten Teil der Menschen, den Mächtigen, den Reichen, den Kaisern, Königen und Päpsten, all jenen denen jedes Mittel recht ist zu mehren. Nur durch sie bekommt das Handeln der Soldaten eine Art von Sinn. Nur dieser «gute Zweck» heiligt das Töten auf dem Schlachtfeld. Niemand wird normalerweise für sich selbst Teil einer Armee. Nur Söldner und Berufssoldaten folgen dabei einer irrwitzigen Geschäftsidee. Immer sind es nur die Inhaber der Privilegien die Armeen benötigen. Sie sind geradezu dazu verpflichtet ihre erbeuteten Schätze und Güter zu verteidigen. Meist von denen erbeutet, die dann auch noch ihren Kopf dafür hinhalten müssen. Also erklären sie uns immer wieder, wie wichtig Armeen sind um die Rasse, das Volk, unser Land, unseren Glauben, die Demokratie oder was auch immer zu beschützen. Und Kriege wollen sie ja sowieso nicht führen. Das Militär diene lediglich der Abschreckung. In der Menschheitsgeschichte hat das System der Abschreckung nie dauerhaft für Frieden gesorgt. Früher oder später hat es bisher immer zu Kriegen geführt. Warum sollte es gerade jetzt funktionieren. Nur der Zufall oder die Vorsehung können darüber entscheiden, ob wir schon genug gelernt haben. Kein Streit um Ländergrenzen, Bodenschätze oder was auch immer ist es Wert ein Menschleben dafür zu opfern. Es geht dabei im Grunde doch immer um die finanziellen Interessen Einzelner. Selbst bei Glaubenskriegen haben die wirtschaftlichen Aspekte im Hintergrund schon immer die wichtigste Rolle gespielt. Und welche Seite kämpfte für den wahren richtigen Gott? Was für ein Gott würde das wollen? Doch nur ein Gott des Krieges. Also ist der Gott des Krieges der Gott der Liebe? Die Erzählungen meiner Eltern und Großeltern von ihren Kriegserlebnissen waren für mich so schrecklich gewesen, dass ich mir nicht vorstellen konnte an so etwas beteiligt zu sein. Während meiner Kindheit hatte ich meine Mutter immer dann weinen sehen, wenn sie uns von ihren Kriegserlebnissen erzählte. Danach weinte sie jedes Mal, als ob sie es eben erst erlebt hätte. Der Verlust all ihrer Brüder, die sie als Jüngste kaum kennen gelernt hatte, sowie die bitteren Worte ihres Vaters berührten uns zutiefst. Ihr Vater verstand nicht als sich sein Söhne sich freiwillig meldeten. Am Ende des Krieges blieb nur eine Erkenntnis für ihn übrig. „Meine Söhne waren nur Kanonenfutter.“ Unser Vater hatte einen Bruder im Krieg verloren, den er sehr geliebt hatte. Man konnte deutlich spüren, wie schwer es unseren Eltern fiel über die Erlebnisse und Gefühle aus der Zeit zu reden. Am meisten aber hatten mich die Erzählungen von Großvater von der Sinnlosigkeit des Krieges überzeugt. Seine Erlebnisse während des Krieges vor Verdun schockierten mich immer wieder aufs Neue, obwohl ich all seine Erzählungen schon auswendig kannte. Spätestens während der Musterung musste man angeben, dass man den Kriegsdienst mit der Waffe verweigern wollte. So viel wusste ich. Ich hatte jedoch schon im Vorfeld eine schriftlich begründete Verweigerung an das zuständige Kreiswehrersatzamt, wie es im wundervollen Amtsdeutsch heißt, geschickt. Trotzdessen würde ich bei der Musterung danach gefragt werden. Das wurde bei allen Kriegsdienstverweigerern so gemacht. Auch wenn sie ihre Verweigerung zuvor schon schriftlich erklärt hatten. Wie sollte ich bloß meinen Kampfsport und dabei gleichzeitig meine pazifistische Einstellung erklären können? Schnell hatte ich mich deshalb entschieden in einem anderen Kostüm zu dieser Art von Maskenball zu gehen. Als Leichtathlet wollte ich dort auftreten. Denn das ich Sport trieb war eindeutig zu erkennen. Schach als Sport hätte man mir vermutlich nur bedingt geglaubt. Maskenball traf diese Veranstaltung viel besser als Musterung. Wie viele hatten ja auch schon vor mir versucht den Musterungsärzten vorzugaukeln sie seien nicht wehrtüchtig. Auch wenn nicht alle das aus den gleichen Gründen taten, so hatten sie zumindest den Mut besessen sich gegen das System zur Wehr zu setzen. Bei diesen Gedanken musste ich schmunzeln. Sich diesem System mit aller Kraft zur Wehr zu setzen nannte man Wehrkraftzersetzung. Wie sinnig. Für meine Maskerade hatte ich mir von guten Bekannten aus dem Sportverein alle wichtigen Informationen besorgt. Zum Glück gab es in dem Verein, in dem auch unsere Karateabteilung beheimatet war noch andere Abteilungen. Ich musste vorbereitet sein, sofern jemand während der Musterung oder später beim Prüfungsausschuss dort nachhaken würde. Schon die Musterung der zukünftigen Soldaten war für sich genommen schon eine menschenunwürdige Veranstaltung. Ähnlich wie bei einem Viehmarkt. Viehmarkt mit anschließendem Maskenball, dachte ich mir. Das wäre doch mal eine Einladung. Aber nein -Aufforderung zur Musterung- musste das ganze heißen. Wie bei einer Viehauktion wurden hier die Zähne, die Muskulatur und die Fortpflanzungsorgane beurteilt. Man musste festzustellen, ob das Vieh auch Gewinn versprach. Während der Gewinn beim üblichen Viehmarkt darin liegt geeignetes Vieh zum Züchten und zum Schlachten zu finden, liegt der Gewinn bei der Musterung darin Vieh zu finden, das auf Befehl anderes Vieh abschlachten kann. Besonders befremdlich empfand ich dabei die Zurschaustellung der Geschlechtsteile vor einem der Musterungsärzte. Dieser warf einen äußerst gelangweilten Blick bei mir darauf, nachdem ich meine Unterhose auf sein Zeichen hin herunter gezogen hatte. Wortlos und mit einer ebenso gelangweilten Handbewegung gab er mir zu verstehen, dass ich nun meine Unterhose wieder hochziehen könne. Ich fragte mich daraufhin, wie es wohl wäre, wenn man als Mann den ganzen Tag Scheiden und Brüste begutachten müsste. Abends hätte man vermutlich keinerlei Sinn mehr für die erotischen Details seiner Ehefrau. Sofern man dann überhaupt noch heiraten wollte. Wie nervig musste dann das hier erst sein. Am Ende dieser hoch wissenschaftlichen Veranstaltung wurde ich ganz selbstverständlich als tauglich gemustert, was auch sonst. Im Grunde musste man nur ein Gewehr halten und dann abdrücken können. So offensichtlich wie hier war es leider nur selten im Leben, dass es nur um den Anschein dieser ganzen Sache ging. Nur deshalb gab es doch das ganze Brimbamborium drumherum. Niemand sollte gleich merken wie unglaublich sinnentleert das Ganze war. Und dann wurde ich tatsächlich doch noch endlich gefragt ob ich bereit sei meinen Wehrdienst zu leisten oder ob ich den Kriegsdienst mit der Waffe verweigern wollte. „Ich verweigere den Kriegsdienst mit der Waffe aus Gewissensgründen!“, gab ich laut und mit fester Stimme an. Innerlich zitterte ich dabei allerdings wie Espenlaub. Zum ersten Mal sahen mich die Gesichter der umstehenden und der Musterungskommission interessiert an. „So sie wollen also den Wehrdienst verweigern?“, fragte mich der Spezialist für männliche Geschlechtsteile. „Ja das will ich!“, wiederholte ich stolz und aufgeregt meine Aussage. „Sie könnten auch in einer Sanitätseinheit ihren Dienst tun“, gab nun der Zahn- und Fitnessspezialist zu bedenken. „Da sie mir nicht garantieren können, dass ich hierzu nicht auch an der Waffe ausgebildet werde, bleibe ich bei meiner Verweigerung.“ Auf diese Sätze hatte ich mich ebenfalls fast schon akribisch vorbereitet. Ich hatte mich bei allen, die ich kannte und schon gemustert worden waren, erkundigt. Insbesondere bei denen, die den Wehrdienst verweigert hatten. Ich hatte nicht nur sehr viel darüber gelesen, sondern ich hatte mich mehrfach bei der Deutschen Friedensgesellschaft in Frankfurt dazu beraten lassen. „Dann füllen sie bitte hier dieses Formular aus“, forderte mich wieder der Vertreter der Weichteilkunde auf. „Sie wissen, dass nun ein Verfahren auf sie wartet, dass genauestens beleuchten wird, ob bei ihnen die entsprechenden Gründe überhaupt vorliegen.“ Diesen erläuternden Satz sprach er allerdings ganz gezielt wie eine Drohung aus. Ich ließ mich davon in keiner Weise beeindrucken. Im Gegenteil, es bestärkte mich, auf dem für mich richtigen Weg zu sein. Einschüchtern ließ ich mich hiervon nicht. Auch wenn mir diese höchst lächerliche Veranstaltung und die bevorstehende Verhandlung eine ordentliche Portion Angst einjagten. Nachdem ich das Formular ausgefüllt und unterschrieben hatte, gab mir wieder der Spezialist für männliche Geschlechtsteile mit einer Handbewegung zu verstehen, dass man mich jetzt schon lange genug erduldet habe und es nun mehr als an der Zeit sei, diese unglaublich wichtige Veranstaltung nicht weiter zu stören. Ich sagte noch kurz: „Auf Wiedersehen!“ Doch das wurde von keinem der Anwesenden erwidert. Aber was hatte ich auch anderes erwartet. Nur die Helden und Gladiatoren dürfen sich gegenseitig grüßen und voneinander verabschieden. Nur die, die auch bereit waren sich für Vaterland und höhere Finanzinteressen totschießen zu lassen. Ich war damit plötzlich weniger Wert für sie als ein Maikäfer. Ich taugte nicht mal als Kanonenfutter. Noch bevor ich die Türöffnung durchschritten hatte, kamen mir einige Werke von dem Maler und Karikaturist A. Paul Weber in den Sinn: «Rückgrat raus» und «Nur die dümmsten Kälber wählen ihren Metzger selber». Was für eine sinnlose Vergeudung von menschlichen Fähigkeiten und Eigenschaften, dachte ich mir. Mein Vater hatte nie als Soldat gedient weil er gegen Ende des Krieges noch zu jung gewesen war. Er hatte immer wieder betont wie sehr er es bedauere, dass Adenauer die Bundeswehr eingeführt habe, denn er sei immer gegen ein deutsches Militär nach dem zweiten Weltkrieg gewesen. Doch war er seltsamerweise überhaupt nicht damit einverstanden, dass sein Sohn den Wehrdienst verweigern wollte und gerade jetzt verweigert hatte. Meine Eltern hatten zwar immer wieder ihre schrecklichen Erlebnisse aus der Kriegszeit erzählt, aber was sollte das dann für mich bedeuten, wenn nicht eine klare und eindeutige Absage daran. Für mich war dieser Konflikt kaum lösbar. Warum war mein Vater nicht mit meiner Verweigerung einverstanden? Wenn er doch die Einrichtung der Bundeswehr kategorisch ablehnte, so musste ich doch sogar nach seinem Verständnis absolut richtig gehandelt haben. Wieso er das nicht so sah, war eigenartigerweise nicht aus ihm heraus zu bekommen. Wahrscheinlich schämte er sich vor seinen Kollegen, dass sein Sohn nun ein Drückeberger sei, nahm ich an. Denn das waren wir Kriegsdienstverweiger vermutlich für die meisten Mitbürger, nichts weiter als Drückeberger. Aber als Schlachtvieh und gehorsamer Soldat war ich mir einfach zu schade. Ein paar Monate vor meiner Abschlussprüfung sollte dann endlich der Verhandlungstermin vor dem Prüfungsausschuss stattfinden. Ich hatte die Zeit davor wieder sehr gründlich genutzt, um meine schriftliche Verweigerung, die ich schon ganz am Anfang eingereicht hatte, noch durch eine ausführliche Erläuterung meiner Beweggründe zu ergänzen. Bei der Deutschen Friedensgesellschaft hatte man mich auf den Verhandlungsstress vor solchen Prüfungskommissionen vorbereitet. Genauso hatten wir Frage und Antwortspiele geprobt, um mich von den, mit Sicherheit, gestellten Fangfragen nicht hereinlegen zu lassen. Aber würde das auch bei der mündlichen Verhandlung klappen, wenn es darauf ankäme. Für mich wäre es einfach undenkbar gewesen einen Wehrdienst gegen mein Gewissen zu leisten. Ich konnte und wollte nicht lernen auf Menschen zu schießen. Obwohl ich nicht eindeutig hätte sagen können, ob ich nicht doch unter gewissen Umständen bereit sein würde auf einen anderen Mensch zu schießen, um mich selbst oder meine Familie zu beschützen, war das für mich eine ganz klare Sache. In einer Armee konnte niemand frei entscheiden. Schon gar nicht, ob das Ganze gerechtfertigt war. Nur äußerst wenige hatten in der Vergangenheit den Einblick in die tatsächlichen Hintergründe eines Konfliktes zwischen den kriegführenden Staaten bekommen. Auch in der Gegenwart dürfte das kaum anders sein. Wie offen das System sich auch immer schimpfen würde. Kriege hatten noch nie etwas mit Gerechtigkeit zu tun, sondern nur mit den wirtschaftlichen Ansprüchen einzelner. Darüber hatte ich einiges gelesen. Ein Artikel beschrieb die finanziellen Transaktionen die zum Ersten Weltkrieg geführt hatten und die während und nach dem Kriege noch stattgefunden hatten. Einfach unfassbar, für mich, war wie die Waffenindustrie durch Patentrechte sogar Geld verdient hatte mit den Waffen, die auf die Soldaten des eigenen Landes abgefeuert wurden. Solche Patentgelder wurden während des Krieges auf Sperrkonten eingezahlt und am Ende des Krieges dann an die jeweiligen Patentinhaber weitergeleitet. Besonders die vielen Erzählungen meines Großvaters, der in beiden Weltkriegen Soldat gewesen war, bestärkten mich in meinem Entschluss. Die schlimmsten Erlebnisse für ihn, hatte er im Grabenkrieg vor Verdun im Ersten Weltkrieg gemacht. Diese unglaublichen grausamen Vorkommnisse erzählte er uns immer wieder haarklein. Immer wieder dieselben Geschichten. Bis zu seinem Tode hatte er sie nie loslassen können. Erst als er mit über neunzig Jahren starb, konnten wir hoffen, dass er vielleicht im Jenseits seine Ruhe finden konnte. Nicht einmal in den abschreckenden Antikriegsfilmen hatte ich so grausame Szenen gesehen, wie sie mein Großvater uns erzählt hatte. Für diesen Wahnsinn konnte ich mich einfach nicht zur Verfügung stellen. Weshalb auch. Was bedeutete das schon? Bundeswehr, Demokratie und Gewaltenteilung, was hieß das schon? Häufig hatten gerade die Leute, die früher die Fäden schongezogen hatten, es nach Kriegsende wieder geschafft erneut an den Schaltstellen der Macht zu sitzen. Eine Demokratie stellte ich mir ganz anders vor. Dies war doch allerhöchstens eine Parteiendiktatur, mehr nicht. Nur wenn die Bürger in einem Land ohne Manipulationen Entscheidungen über Volksentscheid treffen können, kann es sich nach meiner Meinung um eine Demokratie handeln. Solange aber die Mitglieder der Parteien deren Programmen folgen müssen und nicht ihrem eigenen Gewissen, solange wird dieses schöne Land keine richtige Demokratie haben. Sondern nur etwas, das sie man so nennt. Vielmehr handelt es sich für mich um die Staatsform der Kapitulation die sich aus dem Anfang von Kapitalismus und dem Ende von Manipulation zusammensetzt. Und das tut unsere Staatsform im Grunde ja auch, sie kapituliert vor allen wirklich demokratischen Ideen und Bestrebungen vor den Göttern des Kapitals. Mit einem Einschreiben bekam ich den genauen Ort, den Termin und meine Verhandlungsgegner genannt. Leiter der Kommission war ein erster Staatsanwalt a.D.. Die beiden weiteren Ausschussmitglieder waren zwei Politiker des Kreistags. Einer von der CDU und der andere von der FDP. Na das konnte ja heiter werden. Ein erster Staatsanwalt außer Dienst und ein vermutlich Erzkonservativer Lokalpolitiker waren vermutlich die harten Brocken, die es hierbei zu knacken galt. Aber vielleicht entpuppte sich ja auch der Liberale als harte Nuss. Ich hoffte auf den Freien Demokraten. Wenn er sein Parteiprogramm und den Parteinamen ernst nahm, durfte er nicht von vorneherein gegen mich eingenommen sein. Bereits eine Woche vor dem tatsächlichen Termin, hatte ich nur noch schlecht schlafen können und ich malte mir in meiner Phantasie meist aus, wie es besonders schlecht für mich laufen konnte. Aber je mehr Angst ich davor hatte und je mehr ich mir einen negativen Ausgang vorstellte, umso mehr wollte ich mich anstrengen, dass es nicht so kam. Meine Berater hatten zu meiner Überraschung – Hatte ich es denn noch immer nicht kapiert- vorgeschlagen, nur so wenig wie möglich die Wahrheit zu sagen. Nach ihrer Erfahrung und ihrer Einschätzung war es viel leichter und sicherer das zu erzählen was die Kommission hören wollte, um mich dann guten Gewissens als Kriegsdienstverweigerer anzuerkennen zu können. Selbstverständlich war hier der Schein wichtiger als das Sein. Warum sollte es ausgerechnet hier anders sein? Hier machte der Schein doch Sinn. Wer würde hier schon die nackte Wahrheit sehen wollen? Was hatte ich eigentlich erwartet? Das System des Anscheins war doch in sich schlüssig. Wieso wartete ich immer noch darauf, dass es irgendwo mal zu Ende sein könnte und man ganz einfach sagen könnte was man dachte und fühlte? In den letzten Wochen vor dem Termin war die Spannung fast bis ins Unerträgliche gewachsen. Ich konnte nun überhaupt nicht mehr abschalten. So war ich dann sogar unglaublich froh, als der Tag der Entscheidung endlich gekommen war. Die Nächte davor hatten mir keinen erholsamen Schlaf mehr beschert. Vielleicht würde ich danach wieder schlafen können. Außer einer Tasse Tee konnte ich an diesem Morgen nichts herunterbringen. Ich war fast eine dreiviertel Stunde zu früh am angegebenen Ort, weil ich Angst hatte zu spät zu kommen. So war ich wieder eine ganze Zeit meinen Befürchtungen ausgeliefert. Darüber hinaus nahm ich kaum die Umgebung wahr. Ich hätte nicht einmal sagen können wie das Wetter ist. Das ich erbärmlich fror, musste nicht unbedingt am Wetter liegen. In mir fühlte ich eine tiefe Unsicherheit und Zerrissenheit. Solange bis endlich die drei Herren, die über diesen für mich sehr wichtigen Teil meiner Zukunft zu entscheiden hatten, auch angekommen waren. Plötzlich war da auch eine Sicherheit. Ich war fest entschlossen alles zu geben, um diese einmalige Gelegenheit zu nutzen. Als der Erste der Drei eintraf fühlte ich mich bereit ihnen gegenüber zu treten. Das war ein Kampf, den zu gewinnen es sich lohnte. Kurz nach Beginn der Verhandlung war ich ganz sicher, dass meine erste Vermutung und zugleich Hoffnung richtig gewesen war. Den Mann von den Freien Demokraten hatte ich von Anfang an auf meiner Seite. Ihm schien es zu genügen, dass ich mich einem Prüfungsausschuss gestellt hatte und meine Verweigerung bereits ausführlich schriftlich begründet hatte. Durch seine halblangen blonden Haare umgab ihn ein Hauch von Alternativität. Diesem Hauch versuchte er auch mit seinem Verhalten und seinen Worten Ausdruck zu verleihen. So war ich wenigstens nicht der einzige Langhaarige hier. Jetzt galt es nur noch einen der beiden anderen auf meine Seite zu bringen und das Spiel war höchstwahrscheinlich gewonnen. War es wirklich nur ein Spiel, fragte ich mich. Ja, aber mit sehr ernsten Konsequenzen. Wurde man hierbei rausgeworfen durfte man in der nächsten Runde nicht dreimal würfeln. Weil es ganz einfach keine nächste Runde mehr geben würde. Also durfte ich jetzt auf keinen Fall unvorsichtig werden. Ich war hochkonzentriert und ungeheuer angespannt. Es lief fast alles, wie es mir die Mitarbeiter der Friedensgesellschaft voraus gesagt hatten. Es kamen die obligatorischen Fragen. Ob ich schießen würde, wenn ich zufällig eine Waffe in der Hand hätte und ein Russe meine Freundin vergewaltigen will. Auch ein paar, die ich nicht kannte, aber deren Zweck und Tücke für mich sofort zu durchschauen waren. Ich antwortete wie eine Maschine völlig fehlerfrei und ließ mich nirgends von ihnen auf das Glatteis führen. Auch meine gelernten Antworten zu meinen angeblichen sportlichen Aktivitäten waren so wasserdicht, dass sie kein Misstrauen erregten. Am Ende der Verhandlung verkündete der Erste Staatsanwalt a.D. das Ergebnis, zu dem die drei Weisen an diesem Morgen im Lande gekommen waren. „Herr Schenk, wir wollen sie nicht mehr lange auf die Folter spannen. Sie haben die Anerkennung den Kriegsdienst mit der Waffe verweigern zu dürfen. Sie konnten uns einwandfrei davon überzeugen, dass eine Verweigerung aus Gewissensgründe bei ihnen vorlag.“ Nach ein paar eher privaten Fragen zu meiner Vergangenheit und meiner nun geplanten Zukunft schloss er die Verhandlung mit den Worten, dass er selten einen so gut vorbereiteten Antragsteller vor sich gehabt hatte. Ja, dachte ich. Ich war ein guter Schauspieler, meinen Text und meine Emotionen habe ich perfekt gespielt. Ich habe das Spiel in ihrem Sinne gespielt. Wir hätten auch alle zusammen kegeln gehen können und wir hätten alle Spaß daran gehabt. Verrückt nur, dass sie genau wussten, dass ich ihr Spiel kenne. Aber solange ich es in ihrem Sinne mitgespielt hatte war für sie alles in Ordnung. Es ging nicht darum zu ergründen, ob jemand den Wehrdienst aus Gewissensgründen verweigerte. Sondern nur darum, dass man glaubhaft so tat, als täte man dies. Obwohl ich den Wehrdienst tatsächlich aus Gewissensgründen verweigert hatte, war ich mir nach der Verhandlung absolut sicher, dass vermutlich keiner der drei ein wirkliches Interesse an meinen wahren Beweggründen gehabt hätte. Für sie musste nur der offizielle Schein gewahrt bleiben. Zwar hatte mir das Spiel während der Verhandlung irgendwie auch Spaß gemacht, aber meine Anerkennung wäre mir noch deutlich lieber gewesen, wenn ich ausschließlich meine Wahrheit hätte erzählen können. Ich konnte immer noch nicht verstehen, warum es besser sein sollte zu lügen, als die Wahrheit zu sagen. Besonders dann, wenn die Wahrheit dem entsprach, um was es eigentlich ging. Seltsam, dachte ich, es blieb mir nichts anderes übrig, als es so zu akzeptieren wie es nun mal war. Mit meinem Erfolg in der Tasche und einem faden Nachgeschmack im Munde, machte ich mich gut gelaunt auf den Heimweg. Entgegen meinen Erwartungen war selbst mein Vater stolz darauf, dass ich es geschafft hatte vor der Kommission meine Anerkennung zu erlangen. Aus welcher Hirnwindung kam das nun wieder her? Den Zivildienst wollte ich in einem Krankenhaus ableisten und machte mich, neben den Vorbereitungen für meine Abschlussprüfung, gleich an die Suche nach einer geeigneten Stelle. Bei der Vergabe von Zivildienststellen wurden jene Stellen vorrangig mit den Zivildienstleistenden besetzt, die zuvor von der Dienststelle zuvor auch angefordert wurden. So ähnlich, natürlich noch schöner, heißt es im Amtsdeutsch. Ziemlich schnell hatte ich ein Krankenhaus gefunden in dem ich meinen Dienst in der Krankenpflege ableisten wollte. Nach einem kurzen Gespräch mit der Personalleitung war man dort auch sofort bereit, mich für das Haus anzufordern. Damit ging meine Zivildienststelle klar und ich musste jetzt nur noch meine Abschlussprüfung sauber über die Bühne bringen. Obwohl ich überhaupt keine rechte Lust mehr dazu hatte später wirklich als Bankkaufmann zu arbeiten, wollte ich das beste Prüfungsergebnis erzielen, das mir nur möglich war. Obwohl Noten wenig über wirkliches Können und Wissen aussagen, war mir mittlerweile bewusst, dass schlechte Noten sehr hinderlich sein konnten. So hinderlich, dass man gezwungen war Umwege zu gehen. Schlimmstenfalls musste man sogar völlig andere Wege beschreiten als man es sich nun mal wünschte. Von nun an wollte ich immer dafür sorgen, dass ich mir meinen Weg selbst aussuchen konnte. Mit Ausnahme eines Fachs fielen meine Prüfungsnoten diesmal recht gut aus. Aber das Gesamtergebnis stellte mich immer noch nicht ganz zufrieden. Ich nahm mir ganz fest vor, dass das nächste Zeugnis das ich bekommen sollte, kein ausreichend mehr enthalten würde. Doch das konnte unmöglich noch in diesem Leben sein. Denn unter den normalen Umständen würde doch mein Berufsabschluss mein letztes Zeugnis sein. |
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