Doktor Josefs Schönste
Author:Zyta Rudzka
Rights sold: German, Polish
Genre:Novel 
Number of pages:170 
Edition: 
Editor:
Series: 
ISBN: 
ISSN: 
Publishing company:Jacek Santorski & Co/Inanna, Warsaw 
The year of publishing:2006 
Origin Country:Poland  

Author and his oeuvre

Summary

Reviews

Sample text

Textprobe (S. 7-10)

Als sie zum ersten Mal vor Doktor Josef stand, als Zwölfjährige, nackt, spürte sie sein Entzücken.
Stark. Der prüfende Blick. Die geballte Hand im weißen Handschuh. Die rhythmischen Schläge der Reitgerte gegen den polierten Stiefelschaft.
Er hatte sofort ein Auge auf sie geworfen. Borstig. Sehnig. Starker Haarwuchs. Das Gesicht im Schatten dichter Locken. Unterhalb des Bauchs rauhreifiger Flaum. Krumme Waden. Schenkel, zwischen denen ein Windhauch den kleinen Quast Haar bewegte.
Sie stand in der großen Schar der Zwillinge, der Buckligen, Hinkenden, Zwergwüchsigen. Zwischen Kindern, deren mißgestaltete Extremitäten in ein paar Wochen schon im Biologischen Museum ausgestellt sein würden. Neben ihr heulten zwei besonders ansehnliche Dickerchen. Noch warm von den Armen ihrer Mütter. Man führte ihm auch kleine Zigeunerkinder vor mit schönen Zähnen und makellos gewölbten Schädeln, die entsprechend präpariert viele Schreibtische zieren würden. Sie würden gut zur Stille der Berliner Arbeitszimmer und Bibliotheken passen.
Er sah nur sie an. Man schob ihre Zwillingsschwester neben sie. Sein Blick glitt ьber sie hinweg. Sie war anders. Ein kaum wahrnehmbares Kopfnicken. Mit dem Zeigefinger schickte er sie nach rechts, salbte sie zu Forschungsmaterial.
Wieder betrachtete er nur sie. Er ersparte ihr Worte, Berührungen. Seine Bewunderung war stumm. Er betastete sie mit den Augen. Berührte sie in Gedanken. Ließ den Blick über ihre Brüste gleiten. Die kindlichen. Geduckten. Mit ganz kleinen Warzen. Brustwarzen, die an hellrosa Erdbeeren im Frühsommer erinnerten.
Plötzlich kam er auf sie zu. Ein Schritt. Zwei. Blieb dicht vor ihr stehen. Streckte die Hand aus. Berührte sie mit der Gerte. Ihr Körper bog sich. Die Haut sank zu einem kleinen Trichter ein. Er versetzte ihr einen Stoß. Es schmerzte. Sie rührte sich nicht. Ja, gut. Sie gefiel ihm.
Er zog die Gerte weg. Sie war anders. Sie weinte nicht. Als fühlte sie die Kälte nicht. Den Geruch. Den Brandgestank nach verkohlendem Menschenfleisch. Sie blieb gleichgültig. Trat von einem Fuß auf den anderen. Mit finsterem Gesicht. Angespannt. Sie führte die Anweisungen aus. Hockte sich hin. Stellte sich auf Zehenspitzen. Hob die Arme in die Höhe. Drehte sich um. Mit der Seite zu ihm. Mit dem Rücken. Bückte sich. Streckte sich. Richtete sich gerade auf. Er wunderte sich, ergötzte sich aber auch daran. Einzelne Haarsträhnen blieben an ihrem Mund hängen, langsam strich sie sie zur Seite. Dabei legte sie die Finger an die Lippen, als wollte sie ihm Schweigen gebieten.
Er war zufrieden. Ein geballtes Vergnügen, das man ihm hier geliefert hatte.
Er verspürte den Wunsch, sie zu stoßen. Zu sehen, wie sie fiel. In den Sand. Er stieß sie mit Wucht. Sie fiel. Lag. Mit ausgebreiteten Armen. Die Beine leicht gespreizt. In den Schotter gerammt. Aber sie war noch nicht verreckt. Sie bebte. Rührte sich. Stand auf. Streckte sich. Wischte sich die Absonderung vom Gesicht, die beim Sturz herausgespritzt war.

Alle hatten Angst vor dem Sommer, aber keiner redete darüber.
Doch er kam. Langsam. Ohne Eile. Erbarmungslos. Zuerst fiel ein kurzer kühler Regen, nach dem das Gras verblüffend schnell die Tropfen abschüttelte. Und dann schien die Sonne immer stärker. Die hellen Lichtstreifen dehnten sich immer weiter aus und eroberten einen schattigen Winkel des Gartens nach dem anderen.
Die Nagetiere siedelten wieder ins Freie üüber. So lange man auch lüftete, der scharfe Gestank nach Mäusepipi ließ sich kaum aus dem Speisesaal vertreiben. Die weißgestrichenen Tische wurden draußen aufgestellt. Jetzt wurde dort gegessen, geruht und auf Familienbesuch gewartet. Die Terrasse war mit Steinplatten gepflastert. Schartig. Brцckelnd. Einzelne Grashalme drängten sich aus den Ritzen.
Frau Czechna machte den ersten Schritt. Sie bewegte sich vorsichtig vorwärts, als wäre sie innerlich zertrümmert. Ihr Kopf hüpfte bedenklich, er paßte nicht zu ihrem Rumpf, wirkte wie mit Gewalt auf den schlaffen Hals gesetzt. Im Gehen beobachtete sie verstohlen die anderen Heimbewohner. Sie saßen auf der Terrasse. Schauten vor sich hin. Genossen die Sonne, wie Eidechsen, die kältestarr zwischen Steinen geklemmt hatten. Sie boten sich der Wдrme dar wie zur Salbung. Schädel mit vereinzelten dürren Strähnen behaart. Gesichter wie aus Lederflicken zusammengenäht. Wangen mit blauen Flecken, Wunden, eiternden Kratzern. Löschpapierlider. Krankhaft aufgedunsene Bäuche. Zerfurchte Hände. Knotige Finger. Schenkel wie Röschenbesatz. Schlaff hängend. Körper, die bei jedem Schritt ins Schwanken gerieten. Die Füße von Hausschuhen und orthopädischen Tretern befreit. Verkrümmte Zehen. Auswüchse. Geschwülste. Wasserablagerungen.
Sie schienen auf etwas zu warten. Stundenlang starrten sie aufs Tor. Mittags war es kaum mehr zu sehen, es verschwamm im grellen Sonnenlicht, verfloß mit den rostigen Stäben des Zauns. Die mit Grünspan ьberzogene Pforte schien ewig geschlossen zu sein. Als wäre es eine Attrappe, durch die niemand hinausgelangen würde. Auf deren anderer Seite nichts ist.
Frau Czechna hielt inne. Sie tappte mit den Händen nach dem Gefäß mit warmer Flüssigkeit. Ihre Finger legten sich um das Glas. Sie umklammerte den Becher wie jemand, der sich in einem Schwindelanfall an eine Wand lehnt. Sie kniff die verklebten Augen zu.
Die Kästen waren mit Sommerblumen bepflanzt. Die in Tontöpfen eingepferchten Gummibäume wurden an die frische Luft gebracht. Ihr fleischiges wulstiges Blattwerk spreizte sich über dem Rasenstück. Die alten Triebe der Weinranken wichen jungen, grünen Schößlingen, die bald den ganzen Zaun rings um die Anlage umgaben. Die Sonnenschirme vom letzten Jahr wurden abgestaubt. Auf der Terrasse wurden Liegestühle, Plastikstühle, Campingtische aufgestellt.
Und schon ist wieder ein Juni da.
Sagte sie leise, zu sich selbst.

Copyright Esther Kinsky