Erwachen zum großen Schlafkrieg
Author:Gert Jonke
Rights sold: German
Genre:Narration 
Number of pages:262 
Edition:2000 
Editor:
Series: 
ISBN:978-3-902497-85-7 
ISSN: 
Publishing company:Jung und Jung, Salzburg 
The year of publishing:2011 
Origin Country:Austria 

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Summary

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Textauszug (S. 7-9 und 10-12)

--- S.7-9 ---
Morgens ist jene Stadt gewöhnlich in eine tiefe
Wolke gehüllt, aus der sie sich langsam mit viel Mühe
auswickelt und unterschiedlich je nach den gebotenen
Tageserfordernissen mindestens drei oder fünf,
ja bis zu sieben oder neun Meter ins Stiegenhaus der
Luftarena aufsteigt in den erhabenen Vormittag.
Schon zu Mittag ist ihr diese würdige Haltung zu
unbequem geworden, weshalb sie heimlich schon
vorher auf ihr herkömmliches Niveau herabgeschwebt
ist, um sich dann in den bequemen Nachmittag
zurückzulehnen, den entlang alles mögliche
noch auszuhalten ist weit bis in den Abend hinein,
dessen grauen Pelz sie über die Ohren zieht, ehe sie
mehrere Meter langsam absinkt, durch die löchrig
mottenzerfressene Deckenhaut des Flachlands fortbröckelt,
als würden ihr die Häuser abgesaugt, sodaß
nur ein paar Schornsteinzipfelmützen noch hervorlugen,
ein paar hilflos flatternde Dachflügel schwankend
über die eingebrochenen furchengeschlitzten
Dämmerungsspringfluten segeln, kaum hörbar rauschend,
ehe die Stadt dem Auge des Betrachters fortglitzernd
entgleitet.
Morgens schneuzen sich die Mauern ihre übernächtige
Schlafzimmerbettwäsche aus den Fenstern, die
Dachstühle husten aus asthmatischen Kaminen, manche
Gebäude niesen aus geöffneten Dachluken, dann
und wann schiebt ein Haustor sein aus allen Treppen
berstendes Stiegenhaus auf die Gasse, manchmal werden auch ganze Zimmerfluchten mauerauswärts
auf die öffentlichen Plätze gedrängt, und die Kellergewölbe
drücken ihre rebellisch aufwärtshüpfenden
Erdäpfelhaufen nieder, wenn ungezählte prallgeplatzte
Kohlensacknebelquallen fenstergitterauswärts in
den Straßenverkehrsbetrieb geblasen werden.
An manchen Tagen ziehen die Gebäude die vorspringenden
Erkerbäuche ein, klappen schamhaft die
elegant zugespitzten Balkonbrüstungen zurück, als
würden sie einem Kommando gehorchen, Haltung
annehmen zu mörtelglattgestrichener Maueraufrechtstraffung
vor den zur Berichterstattung aufgetauchten
Magistratsturmvorgesetzten mit ihren aufgestülpten
Uhrwerkskuppeln samt den Marschallstabspitzen
ihrer Wetterhahnenkammzacken auf den
Glockenkammern.
An manchen Tagen springen die Straßenbahnschienen
aus dem Asphalt, schütteln sich lästige Haltestellen
ab und verlegen sich die Endstationen ein paar
Meter luftaufwärts.
Was hatten Sie in jener Stadt zu suchen, Burgmüller?!
In jener Stadt pflegen manche Nächte ihre schwarzen
Segelbootflotten so fest an den Bojen der Kirchturmspitzen
anzubinden, daß sie auch in die darauffolgenden
Tage weiter hineindauern mit den Staub schwärmen ihrer dichten Nachtvogelschatten, die
weit über den Köpfen der Stadtbewohner in hochgeschwungenen
Flugzeichnungen alle Wände des Luftraumgewölbes
und seines Deckengemäldeplafonds
durchziehen.
Was hatten Sie in jener Stadt verloren, Burgmüller?!
Ja, die Tage in jener Stadt waren manchmal aus den
Nächten geschobene Sonnenstrahlenüberfälle, deren
Explosionsblütenfelder aus dem Morgengrauen
hochsprossen, ihren Blumenblätterregen aus den
Luftgalerien lichtknospenhageldurchpulst herabstürzten,
begleitet von der dampfgefütterten Schwüle
dunkelwattiger Gewitterdachböden, deren gesammelte
Einschläge zu einem erstarrt gefroren brennenden
Blitzgeflechtspringbrunnen gebündelt
waren, unter dem aufmerksam Obacht geboten war
und vor dem man sich, wie Burgmüller, kurz nur und
nicht länger zu bleiben als nötig, auf jene Inseln versteckte,
die durch den Fluß trieben, bis sie müdebewohnt
verdunsteten.

--- S.10-12 ---
Aber wie hatte alles begonnen? Hatte er sich einfach
hingestellt und denen zugerufen, Sie!, he, Sie da!?
Nein, das wäre nicht nur ihm taktlos vorgekommen
und aufdringlich obendrein; sondern er fühlte sich
plötzlich einmal von hinten angegriffen, drehte sich
um, sah aber nichts. Nur den ihm zugeworfenen
Blick aus dem erstarrten Gesicht einer steinernen
Frau, einer Karyatide, die mit ihren Händen den Balkon
eines Hauses so in den Himmel stemmte, daß sie
ihn jederzeit auch wurfbereit hatte. Er wußte ganz
genau, daß nur sie es war, die ihm drohend nachgerufen
hatte; Burgmüller wollte schon im gleichen
Tonfall erwidern, sich sowas verbitten und Entschuldigung
fordern, als er glaubte oder fühlte, daß eine
ganze Versammlung um ihn herum unter Toren, Fenstern, Erkern und anderem Fassadengehänge
einer langen Hausfront ihm den Weg versperrte, mit
einem sanft aufkommenden Marmorbeben über ihn
zu lachen begann. Als er sich nach dem Grund des
augenscheinlich ihn betreffenden Hohnes erkundigte,
wurde ihm erwidert, nein, kein Hohn, sondern
Freude, Genugtuung, weil mit ihm seit ein paar Jahrzehnten
endlich einmal wieder jemand eine Spur
davon zu ahnen verstehe, worüber sie sich unterhielten,
womit sie beschäftigt, wie ihre Tage abliefen,
ihre Mauerjahreszeitenkalenderpläne an den Häuserfrontepochen
usw., welch ein glücklicher Zufall, und
darauf beschloß man, einander täglich zu treffen; ja,
kommen Sie bitte alle sofort morgen zu mir in die
Wohnung, schlug damals Burgmüller den Karyatiden
und Atlanten, so nannten sich ihre Männer, freudig
gleich vor, und natürlich seien sie herzlichst immer
zu ihm eingeladen, er erwarte ihr möglichst vollzähliges
Erscheinen hinkünftig jederzeit an seiner Tür,
und der Besuch der Telamonen, so nannten sich alle
gemeinsam, werde ihm jeden Moment willkommengeheißen
die Dämmerungseinsamkeit seiner stillen
Zimmer freundlich aufhellen!
Aber leider boten sie ihm keine einzige Gelegenheit,
ihnen die Gerichte und Getränke seiner kargen Gastfreundschaftsverschwiegenheit
zuteil werden zu lassen,
denn natürlich kamen sie nicht zu ihm in die
Wohnung, weil das in mehrerer Hinsicht zu schwierig,
vor allem zu langwierig gewesen wäre.
Er aber suchte sie dafür regelmäßig auf, befragte sie
über die Beschaffenheit ihrer Welt, Weltbilder,
Daseinsvorstellungen und über das Ablaufen ihres
vermauerten Alltags.
Wie gelang die Verständigung?
Während einerseits Burgmüller möglichst langsam
sprach, mit Pausen zwischen den Wörtern und Silben,
möglichst mit Intervallen von mehreren Sekunden,
dann erst ging ihnen alles, was er sagte oder
fragte, in Gehör oder Verstand über, selbst wenn er
leise, kaum hörbar sprach oder oft auch nur dachte;
andererseits gestalteten sie ihre Äußerungen in Form
eines weder genauer beschreibbaren noch näher definierbaren,
ihre Gestalten umschwebenden Zitterns
im näheren Luftraum mit dem sie einhüllenden
Licht, was Burgmüller ganz leise zu hören, jedenfalls
sinngemäß zu verstehen meinte, denn »hören« war
wohl nicht das richtige Wort dafür, obwohl jeder
ihrer Sätze unendlich langsam sorgfältig durchbuchstabiert
ausgesprochen anmutete, wenn man sowas
überhaupt »sprechen« nennen konnte, nein, auch
»sprechen« war kein geeignetes Wort für diese Abart
der Mitteilung, eine lichtaderndurchzuckte, unsichtbar
dünne, vielleicht flüsternde Luftverschleierung,
von der ihre Gestalten ganz leise umhüllt waren, ein
ersichtlich gerade noch vernehmbar sich äußerndes
Schwirren ihrer Köpfe: wenn Burgmüller den Telamonen
zuhörte, war ihm häufig zumute, als hörte er
mit seinen Augen.