| Author: | Hansjörg Schneider | |
| Rights sold: | German | |
| Genre: | Novel | |
| Number of pages: | 278 | |
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| ISBN: | 3-250-30015-2 | |
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| Publishing company: | Ammann Verlag, Zürich | |
| The year of publishing: | 1997 | |
| Origin Country: | Switzerland | |
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Summary |
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Sample text |
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Leseprobe S. 12-17 Meine Halswunde hat schon früh Anlaß zu einigem Aufsehen gegeben. Vor allem mein Vater wollte sie nicht akzeptieren. Sie sei abnormal, behauptete der Bottensteiner, sie sei ein Makel, ein Geburtsfehler, der zum baldigen Absterben führen müsse. Sie gehöre dringend ärztlich untersucht und zugenäht, er wolle seinen Sohn nicht einer solchen Bagatelle wegen verlieren. Meine Mutter wußte es besser. Aber sie gab dem Drängen ihres Mannes nach, packte mich eines Morgens in ein Bastkörbchen, setzte den luftdurchlässigen Deckel darauf und trug mich zu Dr. Bertschinger, der an der Bahnschranke vorn eine Arztpraxis hatte. Ich weiß das noch genau, es muß in meinem zweiten Lebensjahr gewesen sein. Die Erinnerung an diese frühen Vorkommnisse, die mir bis zu meiner Einlieferung hierselbst nicht mehr zugänglich war, weil tief verschüttet vom Lebensgeröll, und erst durch die Seelenarbeit mit Ihnen, sehr geehrter Herr Seelendoktor, wieder ans Tageslicht des Bewußtseins gezerrt worden ist, diese Erinnerung also steht plastisch, ja handgreiflich vor mir. Ich muß schon damals ein genauer Beobachter gewesen sein, mein Auge hellwach. Ich lag also in diesem Korb, von Mutters Armen getragen. Ich linste durch die Lücken des geflochtenen Bastes, was mit mir geschah. Ich merkte an den schnellen Atemzügen der Mutter — wie verräterisch ist doch dieses Luftschnaufen dem geübten Wasserauge —, daß sie sich nicht wohl fühlte, daß sie folglich etwas zu unternehmen im Begriffe war, was sie lieber nicht hätte unternehmen wollen. Und da sie für diese Unternehmung mich mitnahm, mußte sie etwas mit mir im Sinne haben. Ich gab keinen Laut von mir. Aber ich war entschlossen, bei der ersten Gelegenheit die Flucht zu ergreifen und mich in den Bach zu retten. Meine Mutter muß meine Angst geahnt haben. Sie hielt ein, nahm ein Tuch von ihrer Schulter und legte es über den Korb. So war ich ganz auf mein Gehör angewiesen. Ich hörte das Rauschen des Baches, als wir über den Holzsteg gingen, das nahe Gebimmel der Kälber in Niklausens Baumgarten, das Fallen der Wogen über das hohe Wehr. Ich lauschte dem Plätschern des Amazonas, dem Rascheln einer Wasserratte im Schilf. Dann tappten Mutters Schritte über die Eisenbrücke und hielten an. So weit war ich noch nie vorgedrungen ins Neuland. Kein Rinnen mehr, kein Gurgeln, nichts. Es mußte hier ein gefährlicher Punkt sein. Mich packte die Panik. Ich stemmte die Füße gegen den Deckel, um ihn aufzustoßen. Hab keine Angst, sagte Mutter, es geschieht dir nichts. Ich hörte die Angst in ihrer Stimme. Die Frau zitterte innerlich. Was sollte also diese verlogene Begütigung? Dann nahte ein Ungetüm heran, sehr schnell, es dröhnte und ratterte schrecklich. Das mußte der Krieg sein, von dem mein Vater geredet hatte. Panzer so groß wie Häuser, hatte er gesagt, gegen die kann kein Mensch etwas ausrichten. Die Panzer rasten vorbei im Höllentempo, ich erstickte beinahe, aber seltsamerweise geschah mir nichts. Reg dich nicht auf, sagte Mutter, das ist bloß die Eisenbahn. Ich hörte ein helles Gebimmel, wie die Ziegenglocken bei Niklausens, aber härter. Metallene Schläge, dann wurde es ruhig. Ich wollte heimkehren, zurück ins Wasser, um jeden Preis. Das merkte Mutter, sie hätte auch umkehren wollen, aber sie sagte: Der Arzt will dich anschauen, Bub. Es geht schnell vorbei. Wir betraten nach wenigen Schritten ein Haus, in dem es ekelhaft roch. Nach Schweiß, nach Ohrenschmalz und nach etwas Fremdem. Ich hörte Husten von Kindern, Röcheln, unterdrückte Angstlaute. Meine Mutter wiegte den Korb mit mir drin, sie summte leise, daß nur ich es hörte. Was sollte dieses Summen? Log sie nicht mehr? Sie trug mich hinein ins Untersuchungszimmer, sie öffnete den Deckel und zeigte mich dem Arzt. Ich erinnere mich an einen großen, starken Mann mit dunklen Augen. Erst lächelte er mich an, dann drehte er meinen Kopf auf die rechte Seite, sein Blick richtete sich auf meine Halsöffnung. Ich sah genau, wie er erschrak. Er nahm einen silbernen Löffel, stieß diesen in meine Wunde, preßte ihn gegen die Luftröhre. Das war ein Stich in mein Mark, aber ich habe nicht geschrien, meine Stimme versagte. Ich sah, wie meine Mutter errötete, ich hatte das noch nie beobachtet an ihr. Und sie antwortete dem Arzt auf seine Frage, woher denn dieser Bub komme, daß er ganz normal gezeugt worden sei. Der Arzt zögerte lange, bevor er ein Urteil abgab. Ich konnte sehen, wie es in seinem Kopf arbeitete, er schien einen Moment lang die Fassung zu verlieren. Dann sagte er, daß er in seiner vierzigjährigen Praxis noch nie so etwas gesehen habe, daß es mich eigentlich gar nicht geben dürfte, daß er keine Ahnung habe, was man gegen meine Wunde unternehmen könnte, lebensgefährlich sei sie jedenfalls nicht. Und er fügte die Frage an, ob meine Mutter sehr nahe am Altachenbach wohne. Mit dieser Frage entließ er uns. Ich konnte damals nicht viel anfangen mit diesem Verhör, ich begriff es nicht. Was sollte zum Beispiel die Frage nach der Nähe des Baches? Das war doch normal in der Gegend, das Wasser war meine Heimat. Und was stocherte der fremde Mann in meiner Wunde herum, daß es schmerzte? Sie ging ihn doch gar nichts an, sie war meine privateste Zone. Daß sie nicht lebensgefährlich sein sollte, tönte in meinen Ohren geradezu lächerlich, ja paradox. Diese Öffnung war für mich das schiere Gegenteil, ein lebensspendender Quell der Lust. Und woher kam das Erröten meiner Mutter, warum war ihr das Blut in den Kopf gestiegen? Ich habe damals zum erstenmal die Welt als die Fremde schlechthin erlebt, als das Elend, in das ich als Fremdling ausgesetzt worden war. Ich habe mich still verhalten auf dem Heimweg, ich fühlte mich ausgestoßen. Das Rauschen unter der Eisenbahnbrücke tröstete mich nicht, es war zu schrill, das Plätschern des Amazonas zu grell. Das Wiegen meiner Mutter besänftigte mich halbwegs, ich merkte ihrem Atmen an, daß sie sich freute. Sie ging langsam und ruhig, selbstbewußt, stolz. Ich im Bastkörbchen drin schaukelte mit. Und plötzlich schrie ich, schmerzerfüllt zwar noch immer, aber es war ein befreiender Ton. Sie verstand mich sofort. Siehst du, sagte sie, das war gar nicht so schlimm. Sie nahm den Deckel vom Korb, beugte das Gesicht zu mir herunter und küßte mich sorgfältig auf die Stirn. Dann stieg sie die Böschung hinunter zum Bach, es war die Stelle gleich unterhalb des hohen Wehrs, wo die Forellen standen. Sie hob mich heraus und legte mich ins Wasser. Los jetzt, sagte sie, suche die Kiesel. Ich blieb liegen, wo sie mich hingelegt hatte, ich linste zu ihr hoch, ich wollte nicht weg von ihr. Sie aber erhob sich, sie blieb eine Weile stehen, schlank und rank, und ich sah, wie sie siegesgewiß lächelte. Das war neu an ihr, diese Weibergewißheit, ja Überlegenheit. Erst erschrak ich darüber, denn ich kannte sie als sanfte Frau. Dann aber erhob sie die Hand zur Triumphgebärde, sie winkte mir tatsächlich zu, als wäre ich ihr Kumpan, ihr Mitrevoluzzer. Sie drehte sich um und ging weg. Ich tauchte ab und glitt unter die unterste Schwelle des Wehrs. Ein Eichenstamm war das, in den die Eisenstützen, welche die Querbalken festhielten, eingelassen waren. Ein mannsdicker Baum, unbehauen und knorrig. Die Rinde war längst weggewaschen, aber das Kernholz hatte dem Wasser standgehalten. Darunter war eine Höhle ausgespült, die ich Lagune nannte. Ein flacher Raum, unten feiner, weißer Sand, darüber das schwarze Eichenholz. Tief verdunkelt, kaum ein zitternder Lichtstrahl fand den Weg hierher. Ruhig lag hier das Wasser, die weißen Luftblasen glitten draußen nach oben, bis sie an der Oberfläche wegplatzten. Ein Tiefwasser, Dunkelwasser, Schwarzwasser. Hier versteckte ich mich, Bauch auf dem Sand, Rücken am Holz, den Blick auf die hochsteigenden Blasen gerichtet. Das Tosen des über das Wehr fallenden Wassers, das aufprallte und weiß schimmernde Wirbel aufriß, füllte meine Ohren, wohltuend, beständig und nur in Nuancen seine Melodie abwandelnd. Ich fing an, mich zu wässern, richtig durchzuhydrieren. Der Schmerz saß noch immer in meiner Wunde, er war mir den Nacken hochgefahren bis ins Hirn, wo er pochte. Ein tiefsitzendes Bohren war das, ein vitaler Angriff offenbar auf meine Bachexistenz. Ich sog sachte Wasser in meine Öffnung, ließ es stehen darin, spürte, wie Sauerstoff aufgenommen wurde vom feinen Geäder, gemächlich einrann in mich hinein und sich verteilte. Wohltuend war das, über die Maßen beruhigend, der Schmerz ließ nach. Nach einer Weile sah ich, wie die große Forelle, die Patin, ihren Kopf heranschob und mich begutachtete. Wir kannten uns längst, wir mochten uns gut. Sie schien zu merken, daß etwas nicht stimmte mit mir. Sie drehte ab, mir ihre Schwanzflosse zuwendend, mit der sie sanft fächelte und mir frisches Wasser zuwedelte. Ich war ihr dankbar. Nicht so sehr über ihr Wedeln freute ich mich, das brachte mir nicht viel, das in der Lagune liegende Schwarzwasser genügte vollauf und war erst noch von extrem sanfter Qualität. Aber ihr bloßes Erscheinen, ihr Hiersein war mir hilfreich. Das war erstklassige Kameradinnenhilfe. |
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