Mosaik der Französischen Revolution
| Author: | Richard K. Breuer | ![]() |
| Rights sold: | German | |
| Genre: | Novel | |
| Number of pages: | 230 | |
| Edition: | 1 | |
| Editor: | Richard K. Breuer | |
| Series: | Band 1 | |
| ISBN: | 978-3-9502498-1-1 | |
| ISSN: | ||
| Publishing company: | Richard K. Breuer, Wien | |
| The year of publishing: | 2008 | |
| Origin Country: | Austria | |
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KAPITEL: Eine Ouvertüre in Frankfurt Die Geschichte des Dichters Tiret beginnt am 13. August 1759 im Städtchen Frankfurt, welches an der Oder liegt. In der Abenddämmerung spazieren dort in ausgelassener Laune der Adjutant des österreichischen Feldmarschall-Leutnants Freiherr von Laudon, der Adjutant des russischen Feldmarschalls Saltykow und ein junger Gesandter des französischen Königs Ludwig XV. Allesamt sind sie im Kriege mit den Preußen Friedrichs des Großen, die am gestrigen Tage in Kunersdorf, nicht unweit von Frankfurt, eine schlimme Niederlage haben hinnehmen müssen. »Die Kapitulation ist noch nicht eingetroffen?«, fragt der französische Diplomat. »Nau, wenn’s ums Verlieren geht«, antwortet der Österreicher, »da werden’s plötzlich fad, die Preußen. Aber beim Siegen, da sind’s die Ersten. Habt’s ihr gehört, dass sie die Schlacht für sich reklamieren?« »Ist ja bitteschön unmöglich, weil ist ein Affront«, knurrt der Russe – »Die große russische Armee wird bald stehen in Berlin und sie machen der Zarin zum Geschenk. Sollen die Preußen schauen, wie wir Russen machen Krieg.« »Ja, warum habt Ihr’s denn auf einmal so eilig? Sammeln wir doch bittschön unsere Kräfte, bevor wir dem Fritzl den Allerwertesten versohlen«, sagt der Österreicher – »Der preußische Adler, auch wenn er viele Federn hat lassen müssen, er bleibt gefährlich!« »Verkehrte Welt, meine Herren«, resümiert der Franzose – »Sonst sind die Österreicher immer jene, die den Feind unterschätzen, die Russen jene, die ihn überschätzen. Wir sehen, jede Allianz lässt uns vom einstigen Feind lernen.« Die Herren lächeln zustimmend. Eine Weile gehen sie so dahin, erzählen sich belanglose Ereignisse ihrer Kriegs- oder Diplomatentage. Fröhlich gestimmt kommen sie zu einem kleinen, bereits im Verfallen begriffenen zweistöckigen Mietshaus und bleiben davor stehen. Der Franzose holt einen Brief aus seiner Tasche, entfaltet ihn und beginnt, ihn zu überfliegen. Er nickt, faltet den Brief wieder zusammen und steckt ihn weg. »Es ist im ersten Stock. An der Türe wird ein Kreidestrich angebracht sein.« Der Russe zieht seinen Degen und beginnt damit in die Luft zu schlagen. Der Österreicher runzelt die Stirn. »Wollen wir vielleicht wie die Tartaren einfallen?« »Macht keine Scherze! Mongolenhorde haben gemordet meine Familie«, wird der Russe ungehalten. »Also, bittschön, kann ich was dafür? Aber tun wir uns net streiten, sondern bringen diese … Angelegenheit hinter uns.« Sie gehen ins Haus und kommen zur Treppe. Das letzte Tageslicht müht sich, das Innere zu erhellen. Es riecht nach Moder und Fäulnis. Eine fette Ratte läuft an den Stiefeln der beiden Adjutanten vorbei und zwängt sich in eine schmale Ritze. Der Russe deutet mit seinem Kopf zur Treppe. Der Österreicher nickt, dreht sich zum Franzosen, als der Russe mit großen Schritten nach oben eilt. »Die Armee poltert, die Diplomatie tanzt. Bleibt zurück!« Der Österreicher steigt vorsichtig die Treppe hoch. Am Treppenabsatz erwartet ihn der Russe. »Ihr Österreicher seid langsam wie Feldkanone. Wenn ihr kommt, ist Schlacht lange vorbei«, flüstert er und deutet auf eine Türe, die sich zu ihrer Linken befindet. »Dafür seid’s ihr Russen die Ersten, die nach einer Schlacht nach Haus gehen. Ich seh keinen Kreidestrich.« »Attacke!«, ruft der Russe und wirft sich gegen die Türe, die keinen Widerstand leistet und zur Seite schwingt. Gemeinsam durcheilen sie den Vorraum und kommen in einem geräumigen Zimmer zu stehen, das von Kerzen erleuchtet ist. An einem gedeckten Tisch sitzen ein Mann und eine Frau, die die beiden Adjutanten verwundert ansehen. Die Frau, noch nicht dreißig, trägt ein elegantes Kleid und ist fein herausgeputzt. Ihr Parfum vermischt sich mit dem Duft der roten Rübensuppe, die auf dem Tisch angerichtet ist. Der Mann, etwa vierzig Jahre alt, von großem Wuchs und gepflegtem Äußeren – ein aufgezwirbelter Schnurrbart ziert sein schmales Gesicht – erhebt sich. »Meine Herren, was hat dieser Überfall zu bedeuten?«, fragt er und stützt sich mit seiner rechten Hand auf den Tisch. Seine Stimme klingt fest. Die Frau blickt mit gesenktem Kopf auf ihren Porzellanteller, die beiden Hände verschwinden unter dem Tisch. »Herr Kosciuszko?«, fragt der Österreicher den Mann. »Wie bitte?« »Heißen Sie Kosciuszko?« »Ich … kenne niemanden mit diesem Namen.« Der Österreicher dreht seinen Kopf zum Russen. »War da jetzt ein Kreidestrich?«, flüstert er. »War so dunkel. Wie kann ich sehen eine Kreidestrich?«, zischt der Russe zurück. »Ihr Russen handelt, aber denkt nie!« »Ihr Österreicher denkt, aber handelt nie!« Der Russe steckt seinen Degen in die Scheide, als der Franzose das Zimmer betritt, sich an die Seite der Adjutanten stellt und den Mann zu mustern beginnt. »Meine Herren! Ich möchte Sie bitten, wieder zu gehen!«, presst der Mann hervor. »Ich denke, es ist Zeit mit der Charade aufzuhören, Herr Andrzej Kosciuszko«, sagt der Franzose und wirft einen längeren Blick auf die Frau. »Ist er’s?«, fragt ihn der Österreicher. Der Franzose bejaht. Der Russe zieht wieder seinen Degen, während der Mann sich auf die Lippen beißt. »Woher möchten Sie wissen, dass ich Kosciuszko bin?« »Wir kennen uns, Herr Kosciuszko. Ich war es, der Ihnen die Landkarten beschaffte. Vor einem halben Jahr … in Krakau. Sie wundern sich, dass ich mir Ihr Gesicht einprägen konnte? Mein Herr, die geheimen Dienste der Diplomatie vergessen niemals ein Gesicht, niemals einen Namen!« »Verräter auch nicht«, murmelt der Mann und ballt seine linke Hand zusammen, während die Frau ihre Augen schließt. Der Österreicher wendet sich an ihn. »Herr Kosciuszko, ich möchte Sie bitten, sich anzukleiden und uns auf die Kommandantur zu begleiten.« Der Mann, der Kosciuszko heißt, regt sich nicht, antwortet nicht, starrt nur zu Boden. Die Frau, die ihre Augen wieder geöffnet hat, schiebt mit der linken Hand bedächtig eine Schale zur Seite und berührt dabei mit ihrem kleinen Finger die aufgestützte Hand des Mannes. Eine Weile wird nichts gesprochen. Durch die offenen Türen zieht der Wind in den Raum und lässt die Kerzen unruhig flackern. Schließlich löst Kosciuszko seine Hand vom Tisch. »Ich werde Ihnen keine Unannehmlichkeiten bereiten. Wenn es mir erlaubt ist, möchte ich mir meine beste Kleidung anziehen.« »Natürlich. Vor dem letzten Gericht erscheint man nur im besten Kleid«, gibt der Franzose zurück. Kosciuszko bedankt sich, geht in einen Nebenraum und schließt die Türe. Der Österreicher seufzt. »Neben all den zerstörten Munitions- und Versorgungswägen war das Weinlager in Bautzen der hinterhältigste Angriff seiner kleinen Husarentruppe. Alle Fässer haben sie hin g’macht. Der Feldmarschall und die Generäle waren außer sich. Waren ja die allerbesten Weine.« Der Russe lacht. »Österreicher ohne Wein ist wie Russe ohne Wodka! Seele wird ganz traurig.« Die Frau blickt auf. »Ist es mir gestattet, das Wort an die Herren zu richten?« »Wie könnte man einer schönen Frau eine Bitte abschlagen?«, lächelt der Franzose. »Ist das Regel von Diplomatie?«, fragt der Russe. »Das ist die Regel der Galanterie«, antwortet der Franzose – »Madame, sprechen Sie.« Die Frau sammelt sich. »Ich habe keine andere Wahl, als mich Ihnen zu Füßen zu werfen, meine Herren. Die Mutter von Herrn Kosciuszko ist hier in der Obhut barmherziger Schwestern und wird wohl den Morgen nicht erleben. Deshalb ist Herr Kosciuszko in die feindliche Stadt gekommen und hat sich wohlgemut der Gefahr ausgesetzt. Ich bitte um drei Stunden Aufschub für ihn, sodass er noch Abschied von seiner geliebten Mutter nehmen kann. Ich verbürge mich mit meinem Leben, dass Herr Kosciuszko sich dem Gericht nicht entziehen wird.« Der Österreicher schüttelt den Kopf. »Wenn man sich diese allerschändlichsten Angriffe vor Augen führt, die Generalität sitzt ja seit Wochen auf dem Trockenen, so bleibt mir nichts anderes über, als Ihr Ansinnen auf das Entschiedenste abzulehnen. Es tut mir leid.« »Meine Herren, vielleicht kann ich Sie doch noch umstimmen. Ich bin keine gemeine Frau, vielmehr fließt königliches Blut in meinen Adern. Der Stammbaum der Anjous, meiner Familie, reicht lange und weit zurück. Wir stellten die Könige von Ungarn, Polen und Jerusalem. Ich bin die letzte der Anjous und besitze eine stattliche Anzahl an Ländereien und Schlösser. Geld bedeutet mir nichts. Ich würde all meinen Reichtum als Pfand einsetzen.« »Dies ist sehr aufopfernd, Madame«, geht der Franzose einen Schritt zum Tisch – »Verzeiht, wenn ich mir jedoch anmaße, Ihnen zu widersprechen. Der polnische Zweig der Anjous ist bereits vor einem Jahrzehnt ausgestorben.« »Wer möchte das behaupten?«, fährt die Frau den Franzosen an – »Sind es nicht all jene, die davon Nutzen und Gewinn sich versprechen, für die eine Frau als toter Zweig gilt?« Die Frau holt ihre rechte Hand hervor, streift einen imposanten Ring vom Finger und wirft ihn auf den Tisch. »Seht selbst. Es ist der Ring der Anjous! Jeder kann erkennen, dass dieser Ring eine einzigartige Kostbarkeit ist. Damit könnte man leichtens hundert Weinlager kaufen.« Der Österreicher geht an den Tisch und nimmt sich den Ring. Der Russe sieht ihm über die Schulter. Bewunderndes Gemurmel setzt ein. Der Franzose streicht sanft mit seinem Zeigefinger über einen leeren Porzellanteller. Sein junges Gesicht spiegelt sich darin. Die Frau senkt ihren Blick. »Monsieur«, flüstert sie, »pourrais-je me permettre de vous soumettre une proposition?« KAPITEL: Der Spalt einer Türe Aleksander Mickiewicz schleicht mit einer flackernden Kerze in seiner Rechten auf Zehenspitzen durch die dunklen Gänge des Schlosses des Fürsten Opalinski. Im Südflügel, im ersten Stock, die dritte, vielleicht ist es auch die vierte Türe, dort befindet sich das Schlafgemach, das er sucht. Mickiewicz ist kein mutiger Held, kein furchtloser Mann, den das gefährliche Abenteuer lockt. Aber in dieser Nacht, es geht auf Mitternacht zu, schlägt wohl seine Stunde. Er bleibt am Treppenabsatz stehen, atmet kurz durch. Würde er jetzt entdeckt werden, er müsste eine gute Antwort finden. Aber wie sollte sich ein ehrbarer Mann herausreden können, der in später Nacht und in aller Heimlichkeit in jenes Stockwerk geschlichen ist, in dem die zwei Töchter des Hauses ihre Schlafgemächer haben. Freilich, die Kammerzofen haben auch hier ihre kleinen, bescheidenen Kammern, um ihren Herrinnen nahe und immer dienstbar zu sein. Ja, denkt sich Mickiewicz, das wäre eine halbwegs annehmbare Antwort, zu behaupten, sich für eine der Kammerzofen erwärmt zu haben und deshalb hier zugegen gewesen zu sein. Mickiewicz wartet den letzten Gong ab, dann schleicht er weiter. Die erste Türe. Die zweite Türe. Die dritte Türe. Moment. Die dritte Türe, sie muss es sein. Schließlich ist sie einen Spalt geöffnet. Trotzdem sieht er zur vierten Türe, um sich zu vergewissern, dass diese geschlossen ist. Er geht wieder zurück. Sieht sich den Spalt an. Unmöglich, dass es Zufall ist. Er bläst die Kerze aus und wartet noch ein wenig zu. Dann öffnet er leise die Türe, schlüpft hindurch und schließt sie wieder sachte. Das Zimmer ist in Dunkelheit getaucht. Nur mühsam können seine Augen, die zuvor noch in das Kerzenlicht geblickt, die Umrisse des Mobiliars ausmachen. Die Fensterläden lassen nur unmerklich das fahle Mondlicht herein. Die Stille macht ihn unruhig. Wie lange hat er nun zu warten? Hundert und ein Gedanken durchströmen Körper und Geist. Was, wenn sie ihn nur zum Besten halten wollte? Was, wenn sie sich einen Spaß erlaubte? Was, wenn der Hausherr, Fürst Opalinski, wütend an die Türe klopfte? Das Herz schlägt ihm bis zum Hals. So schön, wie er es sich ausgemalt hat, noch vor Minuten, so grässlich zeichnet er jetzt das Unglück. Aber ist es eines? Im Gemach der jüngeren und hübscheren Tochter des Hauses zu stehen? Nicht eingedrungen, nein, vielmehr eingeladen worden zu sein. Kann ein Mann, der noch alle Sinne und halbwegs Gesundheit in Brust und Lenden beisammen hat, darf so ein Mann nicht jubilieren? Aber jedem Theoretiker ist die Praxis eine Qual. Mickiewicz gibt sich einen Ruck und räuspert sich. Vorsichtig. Leise. Und horcht in das Zimmer. Kein Ton ist zu vernehmen. Doch! In der hinteren Ecke, links von ihm, nimmt er ein leises Räuspern wahr. »Herr Mickiewicz, wie ich hoffe und mir wünsche«, flüstert eine Frauenstimme aus der Ecke und hinter einem Paravent. »Ja, ich bin es, Fräulein Madeleine«, flüstert er zurück. »Sie geben mir Ihr Wort, dass über diese Begegnung kein Wort jemals Ihren Munde verlässt?« Stille. »Herr Mickiewicz?« »Ich … ich kann Ihnen das Wort nicht geben.« »Wie … wie … was soll das heißen?«, flüstert sie, die eine oder andere Silbe verschluckend. »Ich darf … ich kann nicht leugnen, was ich gesehen … mein Ehrgefühl versagt es mir.« »Sie würden mich kompromittieren? Ich … die Sie einlud … die Ihnen die Türe öffnete?« »Es … es hat nichts mit Ihnen zu tun, Fräulein Madeleine. Ich kann Lüge nicht als Wahrheit ausgeben …« »Schweigen Sie! Seid still! Sofort!« Mickiewicz wartet, während in der Ecke vermutlich angestrengt nachgedacht wird. Eine verworrene Situation. Wie hätte das Mädchen annehmen können, dass der gelehrte Mickiewicz auch in den Angelegenheiten seines Herzens keine Lüge duldet? »Fräulein Madeleine … möchten Sie, dass ich gehe?« »Bleibt … die Sache ist zu weit fortgeschritten, als dass ich noch imstande wäre, sie aufzuhalten. Wenigstens möchte ich Sie bitten sich in das Bett zu begeben … es befindet sich zu Ihrer Linken. Geben Sie mir Ihr Ehrenwort, Herr Mickiewicz, dass Sie Ihre Kleidung nicht von sich streifen werden … und wenn ich Ihnen anbefehle, das Gemach zu verlassen, dass Sie es ohne Widerrede tun.« »Ich verspreche es.« Mickiewicz hört die tapsenden Schritte, die sich der Bettstatt nähern. Der Schatten, den Mickiewicz Madeleine nennt, huscht ins Bett und verschwindet unter den Decken. Mickiewicz wartet einen Augenblick, dann nähert er sich vorsichtig dem Bett und schlüpft ebenfalls unter die Decken. Für einen Moment wundert er sich, dass noch niemand dieses überlaute Pochen gehört hat, das sein Herz erzeugt. Ja, in seinem Kopf klingelt und trommelt und schellt und schallt es, dass Mickiewicz befürchten muss, ohnmächtig zu werden. Eine warme, zarte Hand ertastet seinen Arm. Nur zwei kleine Augen leuchten, funkeln, sprühen. Ob eingebildet oder nicht, an ihnen orientiert er sich, er der blinde Wanderer, der nicht weiß, wie ihm geschieht. So starren sie sich an. Wie zwei Raubkatzen, die sich gegenseitig, als Beute bestimmt haben. Ihre Lust knurrt und giert. Aber der Anstand lässt sie noch zuwarten. Das schlechte Gewissen nagt im hintersten Winkel der Seele. Aber alles Verbotene reizt. Umso mehr, als dass sich hier zwei Herzen umschlingen wollen. Wer will es verbieten? Etikette und Gastrecht vielleicht? Der fremde Kopf kommt näher – Mickiewicz kann den warmen, hitzigen Atem auf seinem Gesicht spüren. Die weibliche Lust fegt jede Scham, jeden Zweifel hinfort. Ungestüm wird Mickiewicz Gesicht geküsst und liebkost. Damit gibt es kein Zurück mehr. Mickiewicz umfasst den weichen Leib, der, eingehüllt in viele Kleider, ihm dargebracht wird. Wonne, ruft er still in sich hinein, so ist es also, wenn die Natur ihr Recht fordert und verlangt. Er lässt geschehen. Und es geschieht. Am 8. August 1788. KAPITEL: Konspirative Billardstöße Herzog Zadlök und Graf Potocki spielen gegen Marquis d'Angélique und Aleksander Mickiewicz, der das Billardspiel nicht einmal im Ansatz beherrscht. Aber kein Wort des Tadels, des Spottes kommt über die Lippen der Anwesenden. Sie gehen darüber hinweg oder tun so, als würden sie die stümperhaften Stöße nicht bemerken. Mickiewicz ist es bald leid, am Billardtisch eine klägliche Figur zu machen. Er legt den Queue weg und wendet sich an Potocki. »Werter Graf, ich möchte Euch um einen großen, sehr großen Gefallen bitten.« Der Marquis konzentriert sich gerade auf seinen Stoß. »Was kann ich für Euch tun?«, fragt Potocki. Der Marquis holt mit dem Queue zum Stoß aus. »Ich möchte, dass Ihr in meinem Namen der Familie Opalinski Eure Aufwartung macht.« »Und was ist der Grund meines Besuchs, wenn mir die Frage gestattet ist?«, ist Potocki misstrauisch. »Ich möchte … dass Ihr für mich um die Hand von Fräulein Madeleine bittet.« Der Stoß des Marquis befördert die Billardkugel über den Rand des Tisches und schlägt in einer der umstehenden Glasvitrinen ein Loch. Der Herzog nickt anerkennend. »Beachtlich, werter Marquis, solch einen kräftigen Stoß hat dieser Raum noch nicht gesehen.« Er gibt einem Diener das Zeichen, die Unordnung aufzuräumen. Die Billardkugel wird wieder auf den Tisch gelegt, während ein Diener die Scherben zusammenkehrt. »Verzeiht meine Impulsivität, werter Herzog«, entschuldigt sich der Marquis – »Ich müsste mit Monsieur Mickiewicz unter vier Augen sprechen, bevor …« »Nein!«, unterbricht ihn Mickiewicz – »Hier gibt es keine Geheimniskrämerei zu dulden. Ich habe es mir reiflich überlegt und werde den Schritt wagen. Die Gräfin La Guyomarais sieht gute Chancen in dieser Werbung.« »Was hätte er denn vorzuweisen, um sich überhaupt mit so einem Gedanken zu beschäftigen?«, flüstert der Herzog zum Marquis und macht sich zum nächsten Stoß bereit. »Die Antwort auf die Frage des Herzogs würde mich auch interessieren«, sagt Potocki und wendet sich an Mickiewicz – »Wie kommt es, Herr Mickiewicz, dass ein gelehrter Mann, wie Ihr es seid, sich in Ideen versteigt, die seines Standes nicht würdig sind? Ihr müsst doch wissen, dass die Opalinskis eine der ersten Familien Polens sind. Wollt Ihr also glauben, dass diese hochangesehene Familie ihre jüngste Tochter und damit den ehrenwerten Namen einem … Hauslehrer anvertrauen würde? Entweder seid Ihr in dieser Sache durch den Liebeszauber verblendet, was den Anschein hat … oder völlig von Sinnen!« »Ich mag verblendet sein, Graf, aber ich bin nicht verrückt! Der Marquis hat mir vor Tagen anvertraut …« Der Marquis hüstelt, geht an die Seite Mickiewicz und zischt leise in sein Ohr. »Lasst das, sage ich!« Mickiewicz holt tief Luft, während der Herzog zum Stoß ausholt. »Ich bin ein Nachfahre der Anjous!« Der Stoß des Herzogs befördert die Billardkugel über den Tisch. Sie trifft den knienden und zusammenkehrenden Diener am Hinterkopf. Der Herzog legt den Queue zur Seite, während Potocki einen ungläubigen Blick aufsetzt. Der Marquis seufzt. »Ja, Monsieur Mickiewicz hat die Wahrheit gesagt. Aber so einfach, wie er es darstellt, ist es freilich nicht. Ich vermute, dass dieser leichtgläubige Überschwang seiner Verliebtheit zuzuschreiben ist.« »Nein, Marquis!«, dreht sich Mickiewicz zu ihm – »Auch wenn mich die Liebe blendet, Zusammenhänge kann ich trotzdem klar und deutlich erkennen. Entweder fließt das altehrwürdige Blut in meinen Adern oder eben nicht. Es kann hier nichts dazwischen geben.« »Monsieur!«, wird der Marquis laut – »Ihre leibliche Mutter wusste besser als jeder andere, welch unüberwindliche Schwierigkeiten auf ihren Sohn zukommen werden, wenn sich herausstellte, dass ein Bastard der einzige Nachfahre der polnischen Anjous wäre. Der ganze Besitz, alle Rechtstitel müssten erneut verhandelt und damit wohl unter den Fürstenhäusern neu verteilt werden, so es dem König gefällt und er Euch als rechtmäßigen Erben einsetzt. Würde also heute jemand die Erbfolge der Anjous antreten wollen, würde es zu langwierigen Anfechtungen und bösen Streitigkeiten vor dem Throne kommen. Niemand lässt sich gerne etwas wegnehmen, schon gar nicht ein polnischer Fürst.« »Ja, das mussten bereits unsere Könige erfahren«, bestätigt Potocki. Der Herzog gibt dem Diener zu verstehen, dass er gehen könne und sich einen kalten Umschlag auf die schmerzende Stelle am Hinterkopf geben dürfe. »In dieser Angelegenheit«, führt der Marquis weiter aus, »gilt es einen besonnenen und kühlen Kopf zu bewahren und nicht blindlings in ein donnerndes Kanonenfeuer zu reiten. Eh Ihr auch nur einen vernünftigen Gedanken hegen könnt, würdet Ihr niederkartätscht und in tausend Teile zerrissen. Politik ist ein Schlachtfeld, auf dem weder die Mutigsten noch die Tugendhaftesten überleben, sondern nur die Besonnensten und Gewitztesten.« »Ich habe die Leichen genauso gesehen wie Ihr. Oder etwa nicht, Marquis?«, ist Mickiewicz ungehalten. »Was denn für Leichen?«, sehen sich der Herzog und Potocki verwundert an. »Ein kleiner Zwischenfall, während unserer Reise hierher«, erwidert der Marquis. »Warum habt Ihr uns noch nichts davon erzählt?«, fragt ihn der Herzog. »Scheinbar ist es für den Marquis unbedeutend«, mischt sich Mickiewicz ein, »wenn Menschen zu Tode kommen. Die Schurken hatten sicherlich die Order, mich und alle Reisenden zu töten. Ich möchte mir nicht vorstellen, welch Qualen die Damen hätten erleiden müssen.« »Wenn Ihr nicht sofort schweigt, werde ich es sein, der Euch am nächsten Baum aufknüpft, Monsieur Mickiewicz! Haben wir uns verstanden? Wenn wir Eure Ansprüche geltend machen wollen, dann benötigen wir einflussreiche Verbündete, die wir aller Voraussicht nach in Polen nicht finden werden. Mein Plan sieht vor, in Frankreich bedeutsame Verbindungen zu schmieden und in Österreich und Russland Kontakte mit den angesehensten und einflussreichsten Häusern einzugehen. Jeder diplomatische Strohhalm, der uns dienlich erscheint, muss ergriffen werden. Aber vor allem braucht es Zeit, Geduld und einen klaren Verstand. Was wir mit Sicherheit nicht brauchen sind Pistolen und Schwerter. Denn wenn Euch die Häscher der Fürsten zu Tode bringen wollen, dann werden sie es tun.« »Man müsste die Fürstenhäuser gegen einander ausspielen«, wirft der Herzog ein – »Wenn es gewünscht ist, biete ich meine Unterstützung an.« »Wir nehmen Eure Hilfe gerne an, werter Herzog«, deutet der Marquis eine Verneigung an. Er wendet sich an Potocki. »Des Weiteren müsste nach Dokumenten oder Beweisen geforscht werden, die unwiderruflich belegen, dass es einen Nachkommen der Anjous gibt. Diesbezüglich gilt es, nach Krakau und Warschau zu reisen. Die Nachforschungen müssen so diskret und unauffällig erfolgen, wie es nur möglich ist.« »Das lasst nur meine Sorge sein, Marquis«, entgegnet Potocki – »Ich werde mich darum kümmern. Ich gebe Nachricht, so bald ich alle Dokumente durchgesehen und mir diesbezüglich eine Meinung gebildet habe. Unsere vertrauliche Korrespondenz soll über Olmütz laufen, so es keine Einwände von Eurer Seite gibt, Herzog.« »Endlich wird wieder in meinem Hause ein wenig konspiriert«, ist der Herzog hocherfreut. – »Meine Ahnen wären sicherlich stolz auf mich, wenn ich mich mit einem mächtigen polnischen Fürstenhaus verbünde. Die österreichische Diplomatie ist diesem Unternehmen sicherlich sehr freundlich gesonnen. Loyale Verbündete braucht jedes Land. Schlagen wir ein!« Potocki, der Herzog und der Marquis reichen sich die Hände. »Und was habe ich zu tun?«, fragt Mickiewicz, der teilnahmslos an der Seite steht. »Ihr habt am Leben zu bleiben.« |
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