| Author: | Boris Barschow | |
| Rights sold: | German | |
| Genre: | Report | |
| Number of pages: | 260 | |
| Edition: | 2 | |
| Editor: | ||
| Series: | ||
| ISBN: | 978-3-939912-01-9 | |
| ISSN: | ||
| Publishing company: | vive!verlag lüneburg | |
| The year of publishing: | 2008 | |
| Origin Country: | Germany | |
|
Summary |
Reviews |
Sample text |
|
Ich sehe zerfetzte Leiber, Menschen in Uniformen, die planlos in der Gegend herumeilen. Überall Tote. Blut. Ich hole mir erst einmal einen Kaffee aus dem Automaten und rauche eine Zigarette. Ich muss nachdenken. Noch weiß ich nicht viel. Nur, dass es in Kabul ein Attentat auf einen amerikanischen Militärkonvoi gegeben hat. Direkt vor dem Innenministerium – zwischen der amerikanischen Botschaft und dem Hauptquartier der ISAF (International Security Assistance Force). David Richards, der britische Vier-Sterne General und Chef der ISAF-Truppen in Afghanistan, steht vor einem Schutthaufen und gibt ein Fernsehinterview: „Es sind auch Zivilisten getötet worden. Das zeigt mir, warum wir hier sind. Wir müssen die Taliban besiegen. Sie töten ihre eigenen Landsleute, Menschen, die sie eigentlich repräsentieren wollen.“ Unserer Sendung ist dies einen Aufmacher, also den ersten Beitrag in der Sendung, wert. Schließlich sind auch deutsche Soldaten in Kabul stationiert. Soweit die Vorgaben. Ich habe heute pätdienst. Drei Minuten und 30 Sekunden darf mein Beitrag werden. Dreieinhalb Minuten, die mein Leben verändern werden. Die Cutterin fragt mich, mit welchem Bild wir unsere Story beginnen wollen. Ich starre wortlos auf den Monitor. „Boris, wie wollen wir anfangen?“, fragt sie noch einmal. Wie benebelt schaue ich sie an: „Ich bekomme eine Gänsehaut, wenn ich das sehe.“ „Wieso?“, fragt sie. Wir gehen wieder zum Kaffeeautomaten und ich erkläre ihr, dass auch ich bald in Kabul sein werde. Nicht als Reporter, sondern als Soldat. Zweieinhalb Monate. Und da ist sie, diese Frage. Auch sie stellt sie mir: „Bist du lebensmüde?“ … ° ° ° In den folgenden Wochen trage ich fast nur noch meine Einsatzuniform. Durchaus eine praktische Angelegenheit, mit der ich mich sehr schnell anfreunde. Doch an die skeptischen Blicke in der Nachbarschaft werde ich mich noch gewöhnen müssen, kennen mich die meisten doch eher leger in Jeans und Hemd. Es ist Montag. Vier Uhr morgens. Sandra schläft. Als sie der Kaffeeduft aus der Küche wachkitzelt, steht sie hinter mir und schließt mich in ihre Arme. Ich dreh mich um. Unsere Blicke treffen sich. Sandra und ich kennen uns erst seit drei Monaten. Wir lernten uns über eine Internet-Single-Börse kennen. Genau zwei Tage nach dem Anschlag in Kabul treffen wir uns zum ersten Mal. Ich erzähle ihr, dass ich Reservist bin und in vier Monaten für fast ein Vierteljahr nach Afghanistan gehen werde. Eigentlich kein guter Zeitpunkt, um eine Frau kennen zu lernen. Wir frühstücken. Sandra macht mir ein Lunchpaket für die lange Fahrt von Northeim nach Wildflecken. „So mein lieber Herr Major – Abmarsch. Du musst jetzt los!“ Ich lächle sie an. Sie hat die Rhetorik eines Militärs schon recht gut drauf. „Fahr vorsichtig und viel Spaß.“ Ich schnappe meine Ausrüstung, gebe ihr einen Kuss, steige ins Auto und fahre nach Wildflecken in Bayern. Im Wegfahren sehe ich im Rückspiegel, wie Sandra am Fenster steht und mir hinterherschaut. Ich komme wieder, denke ich. Ist ja nur die auf das Ausland vorbereitende Ausbildung. Von nun an heißt es, zwei Wochen lang um fünf statt um neun Uhr aufzustehen, keine kreativen Blicke in den Kleiderschrank, sondern einfach Flecktarngrün an, rein in die Stiefel und los. Ich soll lernen, wie ich eine Landmine erkenne, ein Feldlager verteidige, bekomme eine Waffenausbildung am G36, dem Sturmgewehr der Bundeswehr, und muss einen Sanitätslehrgang absolvieren. Ich erfahre nun, wie sich der Alltag eines Bundeswehrsoldaten an der Heimatfront darstellt, die es ja eigentlich nicht mehr geben soll seit Peter Strucks sagenumwobener Äußerung, die Republik müsse dort verteidigt werden, wo die Probleme entstehen – nämlich am Hindukusch. Als ich zwei Stunden später an eine Tankstelle fahre, um meine Müdigkeit mit einem Kaffee zu bekämpfen, greife ich noch schnell ins Regal und schnappe mir die letzte Ausgabe des SPIEGEL. Die Dame hinter der Theke beäugt skeptisch meine Uniform. Ich denke mir nichts weiter dabei und steige innerlich verständnisvoll lächelnd wieder in mein Auto. Da fällt mir die Schlagzeile ins Auge: „Deutsche Soldaten müssen das Töten lernen.“ Dieser Satz brennt sich in mein Hirn. Ich bin jetzt Soldat und Mitglied einer Armee, die sich in einem Einsatz befindet. Momentan muss sich diese Armee einer militärpolitischen Debatte stellen. Im SPIEGEL heißt es dazu, die Bundeswehr könne sich aus internationaler Sicht nicht mehr länger den Kämpfen im Süden Afghanistans entziehen. … ° ° ° Der Höhepunkt unserer Ausbildung wird das Geiselnahme-Szenario. In dieser Übung sollen wir an unsere körperlichen und psychischen Grenzen geführt werden. Wir sollen unseren eigenen Körper unter Stressbedingungen kennen lernen. Das klingt zunächst sehr spannend. Vor einigen Jahren habe ich schon einmal an solch einem Training teilgenommen, das jeder Reporter absolvieren muss, der aus Krisengebieten berichten will. Ausbilder war damals auch die Bundeswehr. Ich weiß, was auf mich zukommt. Das ist körperlich nicht unbedingt angenehm und zeigt einem sehr schnell die persönlichen Grenzen auf. Das Szenario: Wir sind mit einem Konvoi von A nach B unterwegs und werden von einer Rebellengruppe überfallen und verschleppt.Wir fahren mit 15 Mann in einem Bus. Plötzlich werden wir beschossen, angehalten und verschleppt. In den darauf folgenden vier Stunden werden uns die Rebellen ewig auf Kieselsteinen knien lassen, schreien uns an, verbinden uns die Augen, schüchtern uns mit dem Durchlade-geräusch ihrer Waffen ein, demütigen uns und zwingen uns, vor laufender Kamera zuzugeben, dass unsere Koalitionstruppen Frauen vergewaltigen. Vor dieser Übung müssen wir alle eine Erklärung unterschreiben, dass wir unter keinem psychischen Trauma oder ähnlichem leiden. Während des gesamten Szenarios werden wir von Psychologen beobachtet, denn bei den kleinsten Anzeichen von psychischen oder körperlichen Problemen will man uns sofort aus der Übung entfernen. Es soll in der Vergangenheit Lehrgänge gegeben haben, nach denen einzelne Teilnehmer in therapeutische Behandlung mussten. Bis zum Ende der Übung durchzuhalten wird zu einer Art „Überlebensdrang“. Und das macht diese Übung so authentisch. Zirka zwei Stunden kniee ich mit verbundenen Augen in einem feuchten Keller vor einer Wand, muss meine Hände hinter dem Kopf verschränken und darf nicht reden. Nach gefühlten fünf Minuten tut mir mein Kreuz weh. Verändere ich meine Körperhaltung auch nur einen Millimeter, schreit mich einer der Geiselnehmer an. Wenn ich nicht das tun würde, was sie von mir verlangten, würden sie mich erschießen. Da bleibt nicht mehr viel Spielraum für persönliche Freiheiten. Danach beginnen die Hände einzuschlafen. Das Taubheitsgefühl beginnt in den Fingerspitzen mit einem Kribbeln und kriecht dann ganz langsam durch die Finger über die Handrücken in die Handgelenke bis hoch in die Schultern. Ich weiß gar nicht, auf welchen Schmerz ich mich zuerst konzentrieren soll. Plötzlich meine ich, das Zeitgefühl zu verlieren. Der Atem wird flacher, der Körper beginnt zu schwitzen, die Nase juckt, ich lerne Regionen an meinem Körper kennen, von denen ich gar nicht wusste, dass es sie überhaupt gibt. Links und rechts von mir höre ich das Schnaufen und Ächzen zweier Kameraden. Wie viele der Kameraden davon jetzt auch hier im Keller kauern – keine Ahnung. Zuvor nimmt man uns unsere Ausweise und Wertsachen ab. Einer von uns wird vom Geiselnehmer zum Chef unserer Gruppe erklärt und verhört. Man macht ihm klar, wenn er nicht kooperiere, würden seine Soldaten dies zu spüren bekommen. Der Erste, dem dies passiert, bin ich. Unser Chef weigert sich zu verraten, mit wie vielen Soldaten wir im Land sind und wel-che Waffen wir haben. Zur Strafe muss ich zehn Liegestützen machen – mit eingeschlafenen Armen und schmerzendem Kreuz. Die Hölle. Die Übung dauert ewig. Nach vier Stunden wird sie beendet, und wir dürfen unsere Augenbinden abnehmen. Wir müssen uns in einer Linie aufstellen und unseren Peinigern, die uns gegenüberstehen, in die Augen schauen. Der Ausbildungsleiter fragt uns, ob jemand irgendwelche unangenehmen Nachwirkungen verspüre, oder ob jemand ein Einzelgespräch benötige. Unsere Peiniger sind so genannte Rollenspieler. Soldaten, die in regelmäßigen Abständen immer wieder in die Rolle von Terroristen schlüpfen und ihre Kameraden in körperliche Grenzsituation versetzen. Regeln, wie man eine solche Geiselnahme überlebt, gibt es nicht, sagt man uns. Jede Entführung verlaufe anders. Die gefährlichste Phase sei die so genannte Verschleppungsphase, in der die Geisel gefangen genommen und ins Versteck transportiert wird, erklärt uns der Ausbilder. Mache die Geisel sich in dieser Situation zu einer Last oder kooperiere nicht, laufe sie Gefahr, sofort getötet zu werden. Sinn und Zweck dieses heutigen Trainings sei es, uns zu demonstrieren, welche Belastungen ein Mensch in solch einer Stresssituation ertragen und bewältigen muss. Sollten wir jemals in eine Geiselnahme geraten, so dürfen wir uns als Mensch nie aufgeben, wir müssen uns auch dann so gut es geht pflegen, statt zu verwahrlosen. Denn: Geiseln, die sich innerlich und äußerlich gehen lassen, sind wertlos und werden erfahrungsgemäß als erste umgebracht. … ° ° ° |
|||




