| Author: | Stefan Gaffory | |
| Rights sold: | German | |
| Genre: | Novel | |
| Number of pages: | 244 | |
| Edition: | 1 | |
| Editor: | ||
| Series: | ||
| ISBN: | 978-3-9812237-4-3 | |
| ISSN: | ||
| Publishing company: | gONZoverlag | |
| The year of publishing: | 2009 | |
| Origin Country: | Germany | |
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Summary |
Reviews |
Sample text |
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Nein, ich möchte hier nicht mein komplettes Leben nacherzählen; es wäre zu mühsam und uninteressant. Wie ich bereits erwähnte, verlief ein Großteil davon relativ normal, und was sollen sentimentale Reflexionen über meine Schulzeit beispielsweise aussagen? In der Grundschule erbauliche Lieder singen oder mit dicken Wachsmalstiften konzentrische Kreise auf kratziges graues Recyclingpapier kritzeln, solche Erinnerungen erfüllen manche Erwachsenen mit behaglicher Melancholie, aber an einem solchen Zustand habe ich keinerlei Interesse. Dazu habe ich als schmächtiger Spätzünder von zu vielen verfrüht sackhaartragenden Sportskanonen zu oft absichtlich zu viele Fußbälle an den Kopf geschossen bekommen, als daß es ein lustiges Osterhasenbasteln aus buntem Tonpapier gäbe, das diese Schmach jemals wieder ausbügeln könnte. Und mein Leben außerhalb der Schule? Natürlich könnte ich näher auf die Sonntage eingehen, an denen ich in Begleitung meines Vaters alle zwei Wochen auf den Dorfsportplatz trottete, um das jammervolle Rumpelgekicke unserer Gurkentruppe in der Kreisklasse gegen irgendwelche Kombattanten aus noch öderen Kaffs hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen zu schildern. Da stand ich also nun auf der Geraden, den vergeblichen Versuchen meines Vaters zu meiner Identitätsstiftung relativ hilflos ausgeliefert, den Blick starr geradeaus, und trug ein Eis am Stiel oder eine Flasche Limo wie ein Zepter, als Insignien eines Reiches, das mir damals schon absonderlich fremd erschien, während mein großer dicker Stammesfürst Papa Wumba Papa Tumba mit atavistischer Kraft in unregelmäßigen Abständen ein »Gerald!«, »Volker, nach rechts!« oder »Michel, abgeben!« über den holprigen Rasen hinwegröhrte. Doch auch dies würde meine eigentliche Intention noch nicht einmal peripher streifen. Denn das war lediglich relativ harmlos hirnlähmende Langeweile, aber der richtige Schmerz ließ noch ein paar Jahre auf sich warten: beispielsweise wegen der Akne, die mein ganzes Gesicht in eine topographische Landkarte verwandelte, gehänselt zu werden und zwanzig Körbe von Mädchen heimzubringen, bis sich endlich eins erbarmte. Es waren Momente unbeschreiblicher Erniedrigung. Dennoch bleibt das Ganze im Endeffekt völlig uninteressant. Zwar erfüllen mich diese beschaulichen Schnappschüsse aus der Blüte meines Lebens vereinzelt immer noch mit Zorn und gelegentlicher Rachsucht, doch haben sie letzten Endes nichts damit zu tun, was ich eigentlich sagen will. Es wäre zu beliebig. Zuviele kennen diese Geschichten und haben sie größtenteils unbeschadet überstanden, ansonsten sind sie tot oder in psychotherapeutischer Behandlung. Darum weigere ich mich auch, um wieder zum Ausgangspunkt zurückzukehren, meiner verdammten Schulzeit mehr Aufmerksamkeit zu widmen, als sie es verdient. Denn im Endeffekt war sie nur ein erbärmliches Furunkel am Hintern der eigentlichen Magna Mater, des Kaffs, des gottverdammten Kaffs. Ich behalte mir deshalb vor, mich auf für meine heutige Entwicklung relevante Ereignisse zu beschränken, um den sicherlich unzureichenden Versuch zu wagen, dadurch die Seele des Dorfes offenzulegen. Daraus werde ich dann Schritt für Schritt die für mich endgültigen Schlußfolgerungen ableiten. Um damit aber überhaupt einmal anzufangen, fehlt noch jemand. Laßt uns nun also den heimlichen Hauptdarsteller unserer lustigen Geschichte begrüßen, denkt euch jetzt einen Tusch für den Capo di tutti capi: Hubert Wulff. Sein und mein Leben waren auf gewisse Art undWeise miteinander verknüpft, das wurde mir rückblickend klar, und das, obwohl ich seine Bedeutung hierfür jahrelang völlig falsch eingeschätzt hatte. Doch dann kam der Augenblick, in dem sich unsere Wege endgültig kreuzten und der uns zusammenführte, ironischerweise an jenem kalten Januartag, an dem er sich zum letzten Mal im Dorf zeigte. Damals, es war ein knappes halbes Jahr vor dem Ende meiner Ausbildung zum Altenpfleger, wohnte ich noch bei meinen Eltern, bevor ich im Sommer des gleichen Jahres im Dorf eine Zweizimmerwohnung bezog. »Sieh mal an, der alte Wulff ist auch wieder unterwegs«, sagte mein Vater, sich von seinem Nachmittagskaffee am Küchentisch erhebend, mit Blick aus dem Fenster. Auch ich sah hinaus. Hubert Wulff auf seinem täglichen Spaziergang, schon seit Jahren um die gleiche Uhrzeit, und immer dieselbe Strecke. Der König besichtigte sein Reich. Doch an diesem Tag war irgendwas anders. Seit meiner frühesten Kindheit hatte ich den alten Bastard fast täglich hier entlanglaufen sehen; doch an diesem trüben Nachmittag übte der Anblick eine seltsame Faszination auf mich aus, und seine Präsenz erschien mir übermächtig. Vielleicht spürte ich auch bereits instinktiv, daß dies sein letzter öffentlicher Auftritt sein würde. Unter dem Vorwand, eine Zigarette rauchen zu wollen, begab ich mich auf das Trottoir vor dem Haus meiner Eltern und beobachtete ihn. Er schien mich nicht zu bemerken. Beim Gehen strahlte er noch genausoviel strenge Würde aus wie früher. Das dünne, silbergraue Haar mit dem akkurat gezogenen Seitenscheitel; die blauen Augen, welche hinter seiner goldgeränderten Brille eulenhaft vergrößert wirkten; die schmalen, zusammengepreßten Lippen unter dem gestutzten weißen Schnurrbart. Seine arthritische Gestalt steckte in einem asphaltgrauen Anzug mit Fischgrätmuster, der aufgrundWulffs Dürre so steif und unnachgiebig wirkte, als wäre er aus Preßpappe gefertigt. Der Anblick wirkte irgendwie ungeheuer stilvoll, und ich dachte mir völlig sinnfrei, daß der Alte aussähe, als wäre er gerade einem französischen Film aus den 60er Jahren entstiegen. Doch die Atmosphäre, die er erzeugte, stand zu seiner äußeren Erscheinung in völligem Kontrast, da wehte ein Geist von Blut, Boden, Volkssturm und Dreck fressen. Gestützt auf seinen schwarzen Spazierstock mit dem vergoldeten Metallknauf schobWulff sich unerbittlich Meter um Meter vorwärts; vorbei an einem kleinen freien Platz gegenüber dem Haus meiner Eltern, auf welchem sich lediglich eine lose Ansammlung weniger Bäume befand, die ihre kahlen Astfinger in den anämischen Himmel bohrten. In diesem Moment überflutete mich eine gewaltige Welle von Respekt für diesen Mann, wenn auch widerwillig. Es waren zwei Grad unter Null; sein Atem bildete kleine weiße Wölkchen vor seinem Mund, und das Gehen strengte ihn sichtlich an. Doch was er zum Ausdruck brachte, die Entschlossenheit und den eisernen Willen, auch diesen Spaziergang wieder auf jeden Fall hinter sich zu bringen, beeindrucktenmichmehr, als ich es mir eingestehen wollte. Es war fast, als wäre dies sein ureigenstes Recht, welches es mit Zähnen und Klauen zu verteidigen galt. Nichts und niemand auf der Welt würden ihn DAVON abhalten; er wirkte auf gewisse Weise unzerstörbar. |
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