»daß es Sinn hat zu sterben - gelebt zu haben«
Adam von Trott zu Solz 1909 - 1944.
Author:Benigna von Krusenstjern
Rights sold: German
Genre:Biography 
Number of pages:608 
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ISBN:78-3-8353-0506-9  
ISSN: 
Publishing company:Wallstein Verlag, Göttingen 
The year of publishing:2009 
Origin Country:Germany  

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Prolog

»Am 9. August 1909«, hört man den Angeklagten auf die Frage nach seinem Geburtsdatum sagen. »Am 9. August 1909«, wiederholt lauthals der Richter – der Präsident des Volksgerichtshofes, Roland Freisler.

Es ist der 15. August 1944. Schauplatz ist der Plenarsaal des Kammergerichts in Berlin. Vor der Kulisse großer Hakenkreuzfahnen und einer Hitlerbüste findet dort der dritte Prozeß statt gegen Beteiligte und Mitwisser des Attentats auf Adolf Hitler vom 20. Juli.

Der Angeklagte ist Adam von Trott zu Solz, ein hochgewachsener, schlanker junger Mann von gerade 35 Jahren. Sein Gesicht ist fahl und verhärmt. Drei Wochen Gestapohaft, endlose und verschärfte Verhöre liegen hinter ihm. Doch er ist sichtlich bemüht, die ganze ihm noch verbliebene Kraft aufzubieten, diese Verhandlung zu bestehen. Freisler wiederum ist hörbar bemüht, alle Register gegen ihn zu ziehen: mal übertrieben freundlich-sachlich, dann wieder schreiend, schimpfend und geifernd. Er möchte Trott als einen »entwurzelten, charakterlosen Intellektualisten von undeutscher Erziehung« vorführen, unter dessen Augen Stauffenbergs »Mord- und Meuterplan« entwickelt worden sei.

Diese Szene vor Gericht ist auf einem Filmstreifen von schlechter Bild- und Tonqualität in nur kurzen Bruchstücken überliefert. Es fehlt die Urteilsverkündung: Adam von Trott wird – zusammen mit fünf weiteren Angeklagten – des »Verrats an allem, wofür wir leben und kämpfen«, des »Meuchelmords an unserem Führer« sowie des Vorsatzes, »unser Volk dem Feinde auszuliefern und es selbst in dunkler Reaktion zu knechten«, für schuldig befunden. Die Strafe lautet: Tod durch den Strang. Aber als reichte der Tod nicht aus, wird auch noch Trotts Leben für wertlos erklärt: »Vor solchem Verrat schwinden alle Leistungen des Verräters in seiner Vergangenheit zu nichts. Denn seine ganze Persönlichkeit hat der Verrat zerstört.«

Elf Tage später, am 26. August 1944, wird Adam von Trott zu Solz in Berlin-Plötzensee hingerichtet.


In Amerika zwischen Krieg und Frieden

Frühmorgens am 12. September 1939 wurde Trott von einem Telegramm aus New York überrascht. Edward Carter vom Institute of Pacific Relations erneuerte darin seine Einladung und erweiterte den Studienauftrag um die Frage einer »allgemeinen Nachkriegsregelung«. Sein letzter Satz: »Hoffe, dies kann als Ihr erster nationaler Dienst angesehen werden«,1 richtete sich allerdings weniger an den Empfänger als bewußt an die offiziellen Stellen, die die Reise genehmigen mußten. In einem Brief wiederholte Carter den Text seines Telegramms und betonte, wie unverzichtbar gerade jetzt die Anwesenheit Trotts für das Institut sei: »Der Ausbruch dieses nutzlosen Krieges macht Ihre Zusammenarbeit mit uns um so wichtiger.«2 Carter übersandte ihm zugleich eine umfängliche ­Büchersendung mit den neuesten Bänden der beiden Editionsreihen, mit denen das IPR weltweit die Forschung über den pazifischen Raum förderte. In dichter Folge erschienen dort Studien von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen internationaler, auch asiatischer Provenienz.
Obwohl Trott bei der höchst ungewissen politischen Lage das Fortgehen und die Trennung von den Seinen schwerfiel, entschied er sich für die Reise. Nachdem er die Billigung durch die soeben gegründete Informationsabteilung des Auswärtigen Amts erwirkt hatte, war Eile geboten. Binnen weniger Tage mußten sämtliche Formalitäten erledigt sein, wenn er noch am 22. September in Genua die MS Vulcania erreichen wollte. Das italienische Schiff war nämlich zum letzten Mal bereit, deutsche Passagiere aufzunehmen. Dies bedeutete ein erhebliches Risiko, weil vom britischen Flottenstützpunkt Gibraltar der gesamte Schiffsverkehr in das und aus dem Mittelmeer kontrolliert wurde. Die Einreiseerlaubnis nach Italien half Erich Kordt schnell zu besorgen. Schließlich wurde Trott auch die militärische Beurlaubung bis zum 1. Juni 1940 zugestanden, ohne die er das Land nicht hätte verlassen dürfen.3 An seinem Abreisetag am 19. September kam er zu einer letzten Beratung mit Moltke zusammen und traf über München kurz vor der Abfahrt am 22. in Genua ein. Dort erwartete ihn ein telegraphischer Willkommensgruß Carters. »Was will man mehr?«4, schrieb er seiner Mutter beruhigend zum Abschied.
Am Genueser Hafenkai stieß Trott unvermutet auf Fritz Caspari, der nach ihm Rhodes-Stipendiat in Oxford gewesen war und nun am Scripps College bei Los Angeles lehrte. Zur beiderseitigen Freude konnten sie sich bei der zehntägigen Überfahrt nach New York Gesellschaft leisten. Caspari blieb ein mit Trott erlebtes Abenteuer unvergeßlich. Als die Meerenge von Gibraltar immer näher rückte, wandte sich ein mitreisender NSDAP-Funktionär in höchster Sorge an seine beiden Landsleute und vertraute ihnen an, daß er bereits schweren Herzens sein Parteiabzeichen über Bord geworfen habe. Trott konnte ein heimliches Vergnügen nicht unterdrücken und empfahl dem strammen Nazi, bei der britischen Kontrolle sich drastisch – er gab ihm ein paar Ausdrücke vor – von der deutschen Regierung zu distanzieren. Vor Gibraltar wurde es dann wirklich brenzlig, denn die Briten forderten per Funkspruch die Vulcania auf, anzuhalten und ihre Passagiere untersuchen zu lassen. Dem Kapitän gelang es jedoch, schleunigst in spanische Hoheitsgewässer zu steuern. Die Deutschen an Bord entgingen somit nur knapp ihrer Verhaftung und möglichen Internierung als feindliche Ausländer. Kaum hatte sich der Nazi-Funktionär von dieser Aufregung erholt, kamen ihm Trotts wegen Bedenken, dessen Ratschläge allzu überzeugt geklungen hatten. Er erkundigte sich mißtrauisch bei Caspari über ihn, und dieser bewog Trott zur Abwendung einer möglichen Denunziation, den Parteimann günstig zu stimmen. Die nächste Hürde bildete dann die amerikanische Einwanderungsbehörde. Trotz Visum und offizieller Einladung schaffte es Trott nur mit Mühe, an Land gelassen zu werden.

In New York hingegen ließ sich die Sache gut an. Edward Carter – den ein Bekannter Trotts als »einen älteren, sehr würdigen, klugen, etwas reservierten Herrn« erinnert5 – und seine Mitarbeiter im Institute of Pacific Relations nahmen ihn freundschaftlich auf. Als zeitweiliges Mitglied des Internationalen Sekretariats des IPR bestand die Haupttätigkeit Trotts in der Vorbereitung der Pazifik-Konferenz im November. Er versuche, berichtete er, »die Wirkung der beiden Krisenzentren aufeinander zu analysieren«, denn die »Alles oder Nichts«-Frage des Friedens in Asien und Europa verbinde »die beiden Hemispheren auf eine neue und höchst dramatische Weise«6. In einem Schreiben an Lord Elton, den neuen Sekretär des Rhodes Trust, äußerte sich Carter sehr zufrieden über Trott. Dieser sei »mit der ihm eigenen Intensität an die Arbeit gegangen«7.
Das Friedensproblem beschäftigte Trott auch noch auf andere Weise. Es war seine Absicht, sich in den USA für einen »nach innen und außen tragbaren Frieden« bzw. eine »konstruktive europäische Lösung«8 einzusetzen. Seiner Meinung nach bedurfte es einer gründlichen Vorbereitung, wenn man nach Ende von Nazi-Regime und Krieg ein dauerhaftes Friedenssystem in Europa errichten wollte. Ihm schwebte vor, daß mit Hilfe eines umfassenden Studienprogramms die Grundlagen dafür erarbeitet werden müßten. Seinen skizzenhaften Aufzeichnungen zufolge sollten 1.  historische Fragen untersucht werden (konstruktive und destruktive Elemente in der Zwischenkriegszeit, bezogen auf die internationalen ­Organisationen, die Weltwirtschaft und die innere Entwicklung in Deutschland von Weimar bis zum NS-System), 2. die Auswirkungen des gegenwärtigen Krieges sowie 3. Fragen zukünftiger Gestaltung (»Strukturwandlungen« und »neue Organisationsformen« in Staat, Wirtschaft, Gesellschaft, Kirche, Schule u. a.). Als zentrale Themen nannte er ebenfalls politische Sicherheit, wirtschaftliche Demobilisierung, internationale Wirtschaftskontrolle, Minderheiten und Föderalismus,9 alle mit dem Ziel der »Herstellung einer stabilen Rechts- und Wirtschaftsordnung unter Opferung staatlicher Souveränitätsrechte«10 in Europa. Trott hat auch eine Reihe von Namen zusammengetragen, die ihm als Initiatoren, Berater oder Mitwirkende an einem solchen Studienprogramm geeignet schienen: James T. Shotwell, Professor für die Geschichte internationaler Beziehungen an der Columbia Universität und einstiger Berater Präsident Wilsons, Hamilton Fish Armstrong, Herausgeber der namhaften Zeitschrift Foreign Affairs, Josephine Schain, Vorsitzende des National Committee on the Cause and Cure of War, Leon Fraser, Präsident der First National Bank, Manly Hudson, Professor für internationales Recht in Harvard, John Dewey, Reformpädagoge und Befürworter der Demokratisierung sämtlicher Lebensbereiche u. a.m. Unter deutschen Emigranten hatte er außer an eigene Bekannte vor allem an die Mitglieder der sozialdemokratischen Exilorganisation German Labour Delegation gedacht und an Thomas Mann.11 So aufschlußreich all diese Pläne für Trotts Vorstellungen und seinen Ideenreichtum sind, realisiert werden sollten sie nicht. Um ein derartiges Programm auf den Weg zu bringen, auch für dessen Finanzierung zu sorgen, hätte Trott sehr viel mehr Zeit und personeller Unterstützung, überhaupt anderer äußerer Voraussetzungen bedurft. Es blieb daher bei ersten Kontakten sowie einer kleinen Arbeitsgruppe, die auf seine Anregung zustande kam. Ihr gehörten u. a. seine alten Freunde Hasso von Seebach, Hans Muhle und Hans Simons an, ferner Kurt Riezler, Professor für Philosophie an der New School for Social Research; hinzu stießen mit Edward Carter und dem Völkerrechtler Percy E. Corbett u. a. auch einige Amerikaner. Politische Homogenität hatte Trott offenbar nicht angestrebt, und so mußte er interne Unstimmigkeiten zwischen den links orientierten Muhle und Simons sowie dem konservativen Riezler in Kauf nehmen.

Eine vordringliche Aufgabe sah Trott darin, bei der amerikanischen Regierung für die Festlegung tragbarer Kriegsziele des Westens zu werben. Im Interesse der deutschen Opposition sollte dadurch verhindert werden, daß die Deutschen auf Gedeih und Verderb mit ihrem Regime zusammengeschweißt würden, einschließlich derjenigen, »die begonnen haben, sich zum Sturz Hitlers zusammenzufinden«12. Auf Empfehlung Moltkes nahm Trott bald nach seiner Ankunft Kontakt zum früheren deutschen Reichskanzler Heinrich Brüning auf. Dieser hatte sich von der Politik völlig zurückgezogen und lehrte jetzt in Harvard, besaß aber in amerikanischen Regierungskreisen einen guten Ruf. In seinem Einführungsschreiben, auf das Brüning vorsichtshalber bestanden hatte, nannte Trott als Gewährsleute für seine Vertrauenswürdigkeit Moltke (»der mich bat, Sie zu grüßen und unsere Anliegen mit Ihnen zu besprechen«13), Brünings Assistenten Alexander Böker (auch er ein ehemaliger deutscher Rhodes-Stipendiat) sowie seinen jüngst verstorbenen Vater. Da Brüning für den einstigen Kultusminister »die größte Wertschätzung hegte« und bald zur »festen Überzeugung« kam, daß dessen Sohn »hundertprozentig gegen Hitler und gegen die Nazis« war,14 öffnete er sich ihm. Er nahm, wenn auch selten, an den Diskussionen der New Yorker Arbeitsgruppe teil und verwandte sich an höchster Stelle für Trott. Ihre Gespräche in Harvard drehten sich späteren Mitteilungen Brünings zufolge hauptsächlich um einen Militärputsch in Deutschland. Trott habe ihn über entsprechende Pläne informiert, worauf er ihm aus persönlicher Kenntnis geeignete Armeeführer empfohlen habe.15 Während Trotts Kenntnisstand vom September stammte, gingen in Deutschland Umsturzplanungen zur Verhinderung des Westfeldzugs in den nächsten Monaten weiter. Selbst ein so nüchterner Beobachter wie Helmuth James von Moltke berichtete Mitte Dezember, daß seine »Hoffnung auf eine baldige Beendigung dieses Krieges ordentlich Nahrung bekommen hat«16. Wochen zuvor, als Hitler am 8. November im Münchner Bürgerbräukeller – durch eine vom Schreiner Georg Elser dort installierte Bombe – nur knapp ­einem Attentat entgangen war, war zudem vor aller Augen demonstriert worden, wie plötzlich neue Verhältnisse eintreten konnten.
In New York kam Trott häufig mit dem früheren Chefredakteur des Berliner Tageblatts Paul Scheffer zusammen, der ihm schon aus Berlin bekannt war. Da sich Scheffer mit der Kriegsziel-Problematik bereits näher beschäftigt hatte, bat er ihn, darüber eine Denkschrift als Vorlage für die amerikanische Regierung zu verfassen. Scheffers Entwurf wurde dann von Trott und Mitgliedern der Gruppe diskutiert und überarbeitet. Der ursprüngliche Plan Trotts, mehrere amerikanische Experten zu Rate zu ziehen, entfiel aus Zeitmangel. Das Memorandum verweist auf die Anforderungen, die der amerikanische Präsident Woodrow Wilson seinerzeit an einen dauerhaften demokratischen Frieden gestellt hatte, und plädiert für eine frühzeitige öffentliche Klarlegung maßvoller Kriegsziele seitens der Alliierten. Begründet wird dies mit dem Eigeninteresse der westlichen Verbündeten ebenso wie mit der Wirkung auf die deutsche Opposition, die dadurch ermutigt und gestärkt, die Nazi-Herrschaft aber diskreditiert und ruiniert würde. Während einem zukünftigen Deutschland die Teilnahme an einer europäischen Kooperation ermöglicht und statt einer Landesteilung der Territorialbestand von 1933 zugesichert werden sollte, müßte es seinerseits nach dem Sturz Hitlers und der Abkehr vom gegenwärtigen Regime den Verzicht auf jeden weiteren Krieg garantieren.17 Trott sandte die Denkschrift vor dem 10. November nach Wa­shington an William T. Stone, den Vizepräsidenten der Foreign Policy Association – ihn kannte er schon von seinem letzten USA-Besuch. Dieser leitete sie Sumner Welles, dem Staatssekretär im State Department, sowie dem Assistant Secretary George S. Messersmith zu. Letzterer wiederum übergab ein Exemplar an Außenminister Cordell Hull.18

Um möglichst unabhängig zu sein, war Adam von Trott dieses Mal anstatt bei seinen Verwandten im Hotel abgestiegen, ohne zu ahnen, wie nachteilig sich das auswirken sollte. Zehn Tage nach seiner Ankunft geriet er nämlich wegen Spionage-Verdachts in das Visier des amerikanischen Geheimdienstes FBI. Vom 12. Oktober 1939 bis zu seinem Verlassen des Landes am 18. Januar 1940 wurden jeweils zwei Agenten – insgesamt waren es 46 – zu Trotts Beobachtung eingesetzt. Sie verfolgten seine Bewegungen draußen, hörten das Telefon und die Gespräche in seinem Hotelzimmer ab, drangen dort auch ein, kontrollierten seine Sachen und kopierten vorgefundene Briefe und Papiere. Die Ergebnisse wurden per Telex an den FBI-Direktor Edgar Hoover weitergeleitet. Am 16. Oktober etwa erfuhr dieser, daß »Miss Ingrid Warburg, die Nichte des prominenten jüdischen New Yorker Philanthropen und Bankiers Felix Warburg«, dem »Subjekt« im Shoreham Hotel eine Botschaft hinterlassen hat mit dem Wortlaut: »Would like to see you because of telegram from Europe«, ferner daß das Subjekt am gestrigen Sonntag beim Ehepaar Schieffelin in der Park Avenue zum Lunch weilte und nachher mit diesem ein Konzert besuchte, schließlich daß die Telefonüberwachung im Hotel fortgesetzt und außerdem die Möglichkeit geprüft wurde, im IPR eine Abhöranlage zu installieren.19 Den Berichten läßt sich somit entnehmen, wann und wo sich Trott jeweils aufhielt, und zumindest teilweise, wen er traf. Die FBI-Agenten ermittelten auch Einzelheiten über seine Kontaktpersonen, sofern sie in den USA lebten. Wegen unzureichender Deutschkenntnisse stießen sie jedoch an ihre Grenzen. Die Wiedergabe der abgehörten Gespräche und Telefonate in Trotts Hotelzimmer, die in der Regel auf deutsch geführt wurden, sind daher nur sehr bedingt als zuverlässig anzusehen. Gleiches gilt für die übersetzten Briefe. Schon das Entziffern deutscher Handschriften bereitete große Schwierigkeiten – so las man etwa Trotts Namen in einer Notiz Casparis als »Tropp«. Begrenzt war die Ausbeute der Geheimdienstler auch dadurch, daß Trott wichtigere Schriftstücke unzugänglich aufbewahrte und sein Hotelzimmer zwar Ort gelegentlicher politischer Gespräche – vor allem mit Seebach, Muhle oder Scheffer –, aber kein Treffpunkt etwa der Arbeitsgruppe war.
Durch das Leben unter der Diktatur in seiner Aufmerksamkeit geschärft, fiel Trott die Verfolgung auf Schritt und Tritt sofort auf. Als Julie Braun-Vogelstein, die seinetwegen nach New York gekommen war, ihn warnte: »Man wird Sie bespitzeln«, konnte er das schon bestätigen: »Die Kerle folgten mir bis zu Ihrer Türschwelle.«20 Die Telefonüberwachung blieb ihm ebenfalls nicht verborgen. Wann immer sein Telefon klingelte, hörte er dies gleichzeitig im darüber liegenden Raum. Das Schlimme für Trott an der Sache war, daß er nicht wußte, ob der amerikanische Geheimdienst oder deutsche Gestapospitzel ihn beobachteten. Im letzteren Falle hätte er nicht mehr nach Hause zurückkehren können. »Wie anders sind doch alle äußeren Umstände seit meinem letzten Besuch«21, deutete Trott brieflich die unerfreulichen Bedingungen an. Später konstatierte er: »Verdacht grassiert überall, und menschliche Kontakte, mit Ausnahme der engen oder beiläufigen, werden zur Last.«22 Erschwert wurde die Situation durch politische Mißverständnisse. Seiner Mutter bekannte er Mitte November, daß er »tagtäglich mit bitterem Mißverstehen zu kämpfen habe, das mich oft ganz mutlos macht. Dann kommen freilich auch wieder Stunden und Tage, wo man an das Aufleuchten einer gewissen Vernunft glaubt.«23
Die geheimdienstliche Überwachung ging offenbar auf Felix Frankfurter zurück, einen Vertrauten Präsident Roosevelts und seit einem knappen Jahr Richter am Obersten Bundesgericht der USA. Als er Trott zweieinhalb Jahre zuvor in Harvard kennenlernte, war er ihm noch mit großem Wohlwollen begegnet, jetzt aber hatte ihn sein alter Oxforder Freund Maurice Bowra dringend vor dem Deutschen gewarnt.24 Daraufhin soll er sich beim Wiedersehen Trott gegenüber brüsk ablehnend verhalten und ihm zusätzlich verübelt haben, daß er ihn höchst ungeschickt-unglücklich als Juden angesprochen hatte.25 Frankfurter versäumte es nicht, persönlich den Assistant Secretary im State Department, zu dessen Händen das Memorandum gelangt war, von seinem starken Verdacht gegen Trott zu informieren. Messersmith hörte dann jedoch von Heinrich Brüning, den er seit langem kannte, eine gegenteilige, positive Meinung und erklärte sich dank dessen Fürsprache bereit, Trott zu empfangen.
Auf dem Wege nach Virginia zur Konferenz des IPR machte dieser drei Tage in Washington, DC, Station. In der deutschen Botschaft stattete er dem Geschäftsträger Hans Thomsen sowie dem Ersten Sekretär, Heribert von Strempel, Besuche ab. Ferner traf er sich mit seinen Bekannten Felix Morley, Herausgeber der Washington Post, und William T. Stone, dem Vermittler der Denkschrift. Am 20. November suchte er dann George­ S. Messersmith im State Department auf. »Mr. von Trott kam heute morgen zu mir, und der Eindruck, den er auf mich machte, war insgesamt gut, und ich bin jetzt geneigt, zu glauben, daß er ein ehrlicher Mann ist und das Denken gewisser verantwortlicher Elemente in Deutschland repräsentiert«, berichtete dieser anschließend dem Außenminister und dem Staatssekretär. Zum Memorandum habe Trott erklärt, dieses gäbe zwar »im großen ganzen seine Ansichten« wieder und es sei für die »konservativen Elemente«26 in Deutschland äußerst wichtig, die alliierten Friedensziele zu kennen, aber er sei nicht sicher, ob jetzt schon die Zeit zu ihrer Bekanntmachung gekommen sei. »Das Gefährlichste nämlich, was passieren könnte«, habe der Deutsche mit Nachdruck betont, »sei eine vorzeitige Regelung, die die gegenwärtige oder eine ähn­liche Regierung in Deutschland an der Macht lassen würde. Eine solche Lösung würde eine Katastrophe für Deutschland bedeuten wie auch für die übrige Welt. Sie wäre das letzte, was diejenigen, deren Denken in Deutschland er repräsentiere, sich wünschen würden.« Messersmith vermerkte, daß sich Trott bei seinen Befürchtungen auf eine »noch sehr mächtige Gruppe in England«27 bezog, die zu einem solchen Friedensschluß bereit sein könnte. Diese Äußerungen Trotts werfen noch einmal ein Licht auf seine Aktion im Sommer und unterstreichen seine Einstellung als Anti-Appeaser. Bedenkliche Informationen könnte er bei seinen Geheimtreffen mit dem britischen Botschafter Lord Lothian erhalten haben.28 Trott teilte Messersmith im übrigen mit, daß er geheimdienstlich beobachtet werde. Während seiner gesamten Autofahrt von New York nach Washington sei ihm auffällig ein Auto gefolgt, aber er wisse nicht, ob amerikanische oder deutsche Agenten darin saßen. Er befände sich in großer Gefahr, lege sozusagen seinen Hals in eine Schlinge. Laut seinem offiziellen Bericht enthielt sich Messersmith jeder Aufklärung in dieser Sache, aber wie Trott wenig später einer Freundin anvertraute, erfuhr er im State Department, daß es sich um eine Aktion des FBI angeblich zu seinem Schutz vor einer Gestapo-Überwachung handeln würde.29 Ob der Hinweis nun von Messersmith kam oder nicht, dieser fand es angebracht, den Deutschen zu einem weiteren Gespräch nach Ende der Konferenz einzuladen.

Das Study Meeting – so die offizielle Bezeichnung – des Institutes of Pacific Relations fand vom 22. November bis 2. Dezember 1939 in Virginia Beach im riesigen Cavalier Hotel statt, direkt am Atlantischen Ozean. »In dieser herrlichen Umgebung«, berichtete Trott seiner Mutter, erhole er sich zwischendurch beim Reiten am Strand. »Besonders schön ist es, im Sonnenschein auf dem Sand an der Brandung entlang zu galoppieren.«30 Die Konferenz war in Victoria, British Columbia, geplant gewesen, hatte aber wegen des Krieges in Europa kurzfristig verlegt werden müssen. Beide Kriege wirkten sich negativ auf die Teilnahme aus. Die russischen und niederländischen Delegierten hatten abgesagt, und Großbritannien wie Frankreich waren nur durch Beobachter vertreten. Während China neben den USA mit der größten Delegation erschienen war, hatte sich Japan (bis auf das Mitglied im Internationalen Sekretariat) einst­weilen von der Forschungsarbeit des Instituts zurückgezogen. Dennoch versammelten sich rund 120 Teilnehmer aus zwölf Ländern, darunter mehrere Vertreter internationaler Organisationen, um über politische, wirtschaftliche und militärische Aspekte des japanisch-chinesischen Krieges zu referieren und zu diskutieren. Das Tagungsprogramm sah detailliert vorbereitete Round-Table-Gruppen und Plenarsitzungen in vier Sektionen vor sowie freie Nachmittage zum Lesen und Erholen. Mit Adam von Trott nahm erstmalig ein Deutscher an einer solchen Veranstaltung des IPR teil; laut Konferenzbericht fungierte er als Study Meet­ing-Mitarbeiter und Round Table-Protokollant. Überdies war er gebeten worden, die Einstellung Deutschlands zum fernöstlichen Konflikt darzulegen, eine heikle Aufgabe, da er zwar für sein Land, aber nicht für das Regime zu sprechen geneigt war. »Ich muß den Grundcharakter meiner politischen Haltung durchscheinen lassen«, hielt Trott dieses Dilemma in Steno auf einem Notizblatt fest.31 Ob ihm das geglückt ist, geht aus der Kurzfassung im Konferenzbericht nicht hervor. Danach legte »ein deutscher Teilnehmer« dar, daß »die vorwiegend friedliche Meinung in Deutschland für ein freies China eintrete, welches auch nicht von den westlichen Demokratien beherrscht« werden sollte. Deutschland befürworte außerdem »eine Friedensregelung zwischen Rußland und Japan sowie eine Beschränkung des japanischen Interesses an China auf den wirtschaftlichen Sektor«.32 Dem Amerikaner Robert W. Barnett zufolge verdächtigten ­einige Teilnehmer Trott, ein äußerst geschickter Sendbote Ribbentrops zu sein, mehrheitlich habe er jedoch Sympathien gewonnen. Barnett behielt ihn als eindrucksvolle Erscheinung, guten Zuhörer und entspannten Unterhalter in Erinnerung, »eine angenehme Mischung aus Bescheidenheit und Selbstvertrauen«. Er habe sich nie in den Vordergrund gedrängt, aber durch intelligente und weitsichtige Diskussionsbeiträge Aufmerksamkeit auf sich gezogen.33 Trott selbst fand die Konferenz »über alle Erwartung interessant«, nannte die Delegierten »kluge und einflußreiche Männer des öffentlichen Lebens«. Seiner Mutter schrieb er: »Dir würden viele der Leute hier gut gefallen, andere freilich sind recht feindselig, und man muß hart und vorsichtig sein.«34
Unter den englischen Konferenz-Beobachtern traf er manche Bekannte: George E. Taylor, den Freund aus Peking, seinen Oxforder Mäzen Henry N. Spalding und John Wheeler-Bennett. Vor allem mit letzterem, der zu der Zeit als persönlicher Assistent des britischen Botschafters Lord ­Lothian tätig war, verbrachte Trott viel Zeit am Rande. Von Wheeler-Bennett habe er beträchtliche Ermutigung erfahren, äußerte er in einem Brief an David Astor. Er empfahl ihm nicht nur seine Bekanntschaft, sondern auch dessen Einführung beim Außenminister. Kaum ein anderer Brite verstehe »eine wesentliche Seite Deutschlands besser«35 als dieser enge Freund Andersons (Deckname von Brüning). Dies zeige sich deutlich in einem Memorandum Wheeler-Bennetts, über das sie beide intensiv diskutiert hätten und das unbedingt ernst genommen werden müsse, bevor es zu spät sei. Der Inhalt dieser Denkschrift macht die Zustimmung Trotts verständlich. Es wird darin betont, daß der gegenwärtige Kampf sich nicht gegen das deutsche Volk richte, es vielmehr um einen »Befreiungskrieg« vom Hitlerismus ginge. Dabei fänden die demokratischen Mächte Verbündete in Deutschland selbst. Diese sollten »zur eigenen Initiative« durch die Zusicherung »ermutigt und gestärkt« werden, daß nach Erreichung des gemeinsamen Zieles und »der Wiedererrichtung eines Rechtsstaates« in Deutschland das deutsche Volk »mit einer gerechten und großzügigen Behandlung« rechnen könne. Es gelte der Nazi-Propaganda entgegenzutreten, die das Schreckgespenst einer Zerstückelung Deutschlands durch die Alliierten an die Wand male. Angesichts einer solchen Gefahr würden die Deutschen »bis zuletzt zur Verteidigung ihres Vaterlands getrieben« und »der Krieg sich mit zunehmender Stärke und Schrecken in die Länge ziehen«.36 Die Tatsache, daß diese Argumente ein Brite vorbrachte, erhöhte in den Augen von Trott ihren Wert. Allerdings sollte auch dieses Memorandum bei den englischen ­Politikern, denen Wheeler-Bennett es zur Kenntnis gab, seine Wirkung verfehlen.
Als besondere Anerkennung wurde Trott zum ständigen Mitglied des Internationalen Sekretariats, des 12köpfigen obersten Exekutivgremiums des IPR, gewählt. Damit er in dieser Funktion auch in seinem Land tätig sein konnte, wurde Edward Carter bei der deutschen Botschaft vorstellig und erörterte mit Botschaftsrat Heribert von Strempel die Möglichkeiten einer deutschen Zusammenarbeit mit dem regierungsunabhängigen, wissenschaftlichen Institut. Nach Carters Vorstellung sollte Trott zunächst in der Rolle eines Verbindungsmannes zum IPR in Deutschland eine »Kerngruppe für fernöstliche Studien« etablieren. Deren regelrechte Verankerung als eigenes Sekretariat sollte dann nach Beendigung des Krieges erfolgen.37 Für den Amerikaner war es keine neue Erfahrung, mit Personen aus diktatorisch oder undemokratisch regierten Ländern zu kooperieren; schließlich pflegte er schon seit langem Studienbeziehungen zu Chinesen, Japanern und Russen. Ende des Jahres bestätigte Strempel in einem Brief an Carter, daß die »zuständigen deutschen Stellen über die Bildung von Arbeitskontakten mit dem Institute of Pacific Relations« informiert worden seien, und äußerte sich zuversichtlich, daß »Dr. von Trott nach seiner Rückkehr in Berlin dafür den Weg geebnet« finden werde.38 Dieser selbst wandte sich an seinen alten Freund Tracy Strong in Genf und berichtete ihm von der Chance, die Carter ihm eröffnet habe. Sie sei »das beste, das ihm unter den gegenwärtigen Umständen hätte passieren können«. Trott bat Strong um seine Mitwirkung als Kontaktperson; er werde zwar nicht in die Schweiz fahren dürfen, aber sie könnten sich in Deutschland treffen.39 Strong, der unverändert große Stücke auf Trott hielt, sagte seine Unterstützung gerne zu; seine Arbeit bei der Gefangenenbetreuung werde ihn ohnehin regelmäßig nach Deutschland führen.
Edward Carter wollte seinen deutschen Mitarbeiter noch auf andere Weise unterstützen. Am 7. Dezember suchte er Messersmith im State Department auf, um herauszufinden, inwieweit dieser Trott vertraute bzw. welche gegenteiligen Quellen er besaß. Messersmith hielt in einem Aktenvermerk fest: »Ich sagte ihm […] möglicherweise ist von Trott ein ehrlicher Mann, aber niemand, der dieser Tage aus Deutschland komme, könne ein ganz und gar frei handelnder Mensch sein.«40 Carter habe daraufhin den Wunsch geäußert, über jedes Anzeichen, das gegen Trotts Vertrauenswürdigkeit spreche, informiert zu werden. Das war ein taktischer Schachzug, denn der Generalsekretär des IPR selbst hegte keine Zweifel. Über ein Treffen mit Carter ebenfalls am 7. Dezember vermerkte Felix Morley in seinem Tagebuch, daß sie beide in vieler Hinsicht unterschiedlicher Meinung seien, aber in einem Punkt, »von Trotts absolute Integrität« betreffend, völlig übereinstimmten.41
Am folgenden Tag erschien Trott, wie vorgesehen, noch einmal bei Messersmith. In seinem Aktenbericht über das kurze Gespräch wiederholte letzterer seine gegenüber Carter vertretene Ansicht, gab aber insgesamt ein positiveres, wenngleich sehr vorsichtig formuliertes Urteil über den Deutschen ab. Er stehe in Deutschland »mit konservativen Elementen in Verbindung, die mit der gegenwärtigen Regierung nicht sympathisierten und deren Ablösung wünschten«. Auf Trotts Bitte um einen vertraulichen Kontakt in der amerikanischen Botschaft in Berlin verwies Messersmith ihn an den dortigen Geschäftsträger Alexander Kirk. Doch dabei beließ es der Assistant Secretary nicht. Noch am gleichen Tag sandte er Kirk ein persönliches und streng vertrauliches Schreiben, in dem er ihm Trott als Gesprächspartner nahelegte. Dessen Vater habe seinerzeit als preußischer Minister einen hervorragenden Ruf besessen und er selbst sei ein vertrauenerweckender, intelligenter junger Mann, der in Erscheinung und Auftreten sowie mit seinem perfekten, akzentfreien Englisch den Eindruck eher eines Engländers als eines Deutschen mache. Trott sei tief besorgt über die Zukunft seines Landes und arbeite mit Personen zusammen, die an der Errichtung eines stabilen Friedens interessiert seien. Kirk möge über alles Interessante, das er auf diesem Wege erfahre, das State Department informieren.42 Der amerikanische Geschäftsträger ging in seiner Antwort positiv auf den Vorschlag ein und bemerkte: »Wir treffen gelegentlich Personen von derartiger Überzeugung und haben die Ansichten, die sie zu vertreten geneigt sind, dem Department schon angezeigt.«43 Dies war ein Hinweis auf Kirks Bekanntschaft mit Moltke.44 Ob ein Kontakt auch zwischen ihm und Trott in Berlin zustande kam, ist nicht belegt. Es würde allerdings wenig zu Trott passen, eine solche Verbindung ungenutzt zu lassen.

Das Memorandum war in Washington indes zu den Akten gelegt worden. Bemühungen Brünings, persönlich Präsident Roosevelt für Trotts Anliegen zu interessieren, blieben ebenso erfolglos wie indirekte Morleys. Das von Frankfurter gesäte Mißtrauen dürfte dazu wesentlich beigetragen haben. Das Weiße Haus hat der vermeintliche Spion Trott dennoch betreten, wenn auch nicht in politischer Mission. Durch Trude Pratt, eine enge Freundin der Präsidentengattin, war er bei Eleanor Roosevelt zum Tee eingeladen. Diese soll ihn den anderen Gästen mit den Worten vorgestellt haben: »This is Adam von Trott, a friend of ours, who will tell you all about the German underground movement.«45 Nach einer Schrecksekunde soll der so Angesprochene die heikle Situation geschickt überspielt haben. Trude Pratt, damals verheiratet mit dem Verleger und Philanthropen Eliot Pratt, stammte aus Deutschland und hatte an der Universität Freiburg i.Br. promoviert. In den USA trat sie durch vielseitiges politisches und humanitäres Engagement hervor, vor allem für rassisch benachteiligte Kinder. Sie und ihre Freundin Ingrid Warburg bemühten sich, Trott während seines Amerika-Besuchs freundschaftlich zu unterstützen. Letztere führte ihn auch bei der Fotografin und politischen Aktivistin Dorothy Norman ein, Herausgeberin der Avantgarde-Zeitschrift Twice a Year, in deren Salon er u. a. Louis Fisher, Ignazio Silone und Giuseppe Antonio Borgese treffen konnte. Ingrid Warburg kannte Trott schon lange, aber jetzt, wo er erlebte, wie sie sich in ihrer schwierigen Lage als deutsch-jüdische Emigrantin energisch und tapfer behauptete, gefiel sie ihm noch mehr als zuvor. Der gemeinsamen Freundin Diana beschrieb er sie als ungewöhnlich einfühlsam und geistig wendig. Was andere nicht einmal nach langen und mühseligen Erklärungen zu begreifen imstande seien, verstehe sie sofort.46 Trott erneuerte seine Freundschaft mit Roger Baldwin, der sich damals aber nur selten in New York aufhielt. Begegnet ist er auch der einstigen sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten Toni Sender, die 1933 aus Deutschland hatte fliehen müssen. Sie erwähnte dies 1945 in einem Leserbrief an die New York Times, in dem sie Trott als »Vorkämpfer hoher demokratischer Ideale« würdigte.47
Während der deutschfeindlich gesonnene Onkel Frederick Osborn auf Distanz ging, blieben Schieffelins ihrem Neffen Adam weiterhin zugetan. Ja, William Schieffelin war sogar bereit, in seinem Haus eine geschlossene Gesellschaft zu veranstalten, vor der Trott als Gegner des deutschen Regimes sprach. Ein ähnlicher Auftritt fand während eines Dinners im Yale Club mit etwa 30 Teilnehmern statt. Dem späteren Zeitungsbericht eines der Anwesenden zufolge wandte sich Trott in seiner Rede »ohne jeden Vorbehalt und in den schärfsten Worten gegen die Nazi-Ideologie, das Nazi-Regime und gegen den Krieg«. Da das Volk keine Waffen besitze und es unmöglich sei, angesichts des Gestapoterrors eine Massenbewegung zu organisieren, so habe er erklärt, könne ein gewaltsamer Umsturz nur von oppositionellen Generälen ausgeführt werden. Diese aber bräuchten die Garantie, daß Deutschlands Unabhängigkeit und Einheit in den Grenzen von 1933 bei Friedensschluß gesichert sei. Die Macht solle das Militär nur vorübergehend übernehmen, da das neue Deutschland ein »Staat des Rechtes« werden müsse.48 Wenn es den FBI-Agenten gelungen wäre, sich unter die Zuhörer zu schmuggeln, hätten sie mehr über Trotts politische Einstellung erfahren können als durch ihre umständlichen Abhöraktionen. Ein einziger anwesender Gestapo-Agent hingegen hätte Trott das Leben gekostet. Scheffer und Riezler ­waren daher entsetzt über solche Vorträge, fanden sie »haarsträubend unvorsichtig«49. Trott aber wollte die Gelegenheit unbedingt ergreifen, selbst einem nur sehr kleinen Zuhörerkreis etwas vom »anderen« Deutschland zu vermitteln.

Den mehrmonatigen Aufenthalt im neutralen Ausland hat Trott außerdem zu politischen Zukunftsentwürfen genutzt. Ausgangspunkt war die Frage: Wie kann zukünftig ein Krieg in Europa ausgeschlossen werden? Wohl auch angeregt durch seine Diskussionspartner, skizzierte er neue und weitgespannte Perspektiven. Er verwies auf das Beispiel der Vereinigten Staaten von Amerika mit ihrer gemeinsamen nationalen Grenze, ­ihrer Zoll- und Währungsunion. Letztere hielt er auch in Europa für sinnvoll, fürchtete aber, daß die kleineren Staaten sich vom »deutschen Produk­tionsapparat« erdrückt fühlen könnten. Zur Lösung solcher Spannungen und anstelle der Rüstungsindustrie könnten »großzügig konzipierte ­gemeinsam-europäische Wirtschaftserschließungsaktionen« in Afrika, Ost­asien und Südamerika »auf der Basis von großen Konsor­tialgesellschaften« treten. »Die gesinnungswandelnde Begleiterscheinung solcher Unternehmen«, so glaubte er, würde Europa zur Kooperation auch auf anderen Gebieten befähigen: zur Entwicklung einer »Magna Charta der Arbeit«, zur Errichtung eines »gemeinsamen höchsten Gerichtshofes« und zur Schaffung eines »gesamteuropäischen staatsbürgerlichen Status, der die Grundlage zu weiteren Zusammenlegungen administrativer Souveränität auf Teilgebieten des Lebens ermöglichen könnte«. Auch auf dem Rüstungssektor müßten in Europa Strukturveränderungen vorgenommen werden, von der Beseitigung schwerster Waffen bis zur Überführung der Luftwaffe in eine Zentralkörperschaft und zur Vereinigung der Kriegsmarinen.50 Ein solches Zukunftsprogramm war natürlich ohne die grundsätzliche Bereitschaft der Westmächte nicht zu verwirklichen. ­Deren Haltung maß Trott daher auch entscheidende Bedeutung für die zukünftige Orientierung der Deutschen bei. Der Scheffer-Denkschrift hatte er den Passus hinzugefügt: »Wenn andererseits das deutsche Volk bei seiner Suche nach einer erträglichen Alternative zu Hitler auf ständige Vagheit und Unnachgiebigkeit seitens der Westmächte stößt, können sich seine verzweifelten Hoffnungen erneut nach Osten wenden.«51 Wie er David Astor brieflich erläuterte, war das für ihn kein taktisches Ar­gument, sondern er sah mangels Alternative das »Hineindriften« eines radikalisierten und zugleich militärisch disziplinierten Volkes in den Bolschewismus als reale Gefahr an. Daher wollte Trott eine auf »Frieden und soziale Gerechtigkeit« abzielende »progressive europäische Ordnung« unbedingt mit »gewissen konservativen Traditionen« verbunden sehen. Darunter verstand er zum einen Verfassungsautorität einschließlich Rechtsgarantie und zum andern sittliche Werte auf christlicher Grund­lage.52
Von einem »amorphen Glauben an die Weisheit der Massen« hielt Trott ebensowenig wie von elitärer Abgehobenheit. »Die Welt drehe sich nicht um die intellektuellen Planer«, erklärte er, sondern diese müßten sich »in den Dienst der Nöte des gemeinen Mannes«53 stellen und so nah wie möglich an den weitverbreiteten Unzufriedenheiten sein. Seiner Einschätzung nach lehnte das Gros der Deutschen die NS-Parteiherrschaft und die Rassenpolitik ab, nicht aber den Einheitsstaat, »die klassenbeseitigende Tendenz« und Bestandteile der neuen Arbeitsverfassung.54 Als Folge der Nazi-Politik leide die Arbeiterschaft jedoch unter einem enorm gesunkenen Lebensstandard sowie der Aufhebung nahezu aller Bürgerrechte. Trott ging davon aus, daß die Arbeiter »die Rückkehr zu selbstgewählten Gewerkschaften und anderen freien Institutionen dringend wünschten« und ihre demokratischen und internationalen Traditionen wiederzubeleben seien. Hoffnungen setzte er auch auf Teile der Beamtenschaft und des Offizierskorps, sobald diese zur »Bruchgrenze« gelangten, an der sich ihre bisherige »Selbstbeschränkung auf Routinearbeit« nicht länger mit einem Regime vereinbaren ließ, »dessen zerstörerische Politik den fundamentalen Interessen der Nation« zuwiderlief. Den Kampf der Kirchen gegen den Nazismus sah er auf die Abwehr »einer ­illegitimen Invasion auf geistliches Gebiet« begrenzt, während der Krieg als Sache des Staates angesehen und das Opfer des Lebens ethisch gebilligt werde. Da die christlichen Kirchen Europas im letzten Krieg versäumt hätten, »ein anderes Ideal christlicher Pflicht« zu verkünden, sei es jetzt um so notwendiger, sie dazu aufzurufen, für »die essentiellen Nöte und die Würde des Menschen«, unabhängig von der Nationalität, einzutreten.55
Diese Gedanken finden sich vorwiegend in einem Memorandum Trotts von Anfang Oktober, das er (zusammen mit Nachrichten und Briefen für Cripps und Astor) seinem Vetter Charles Bosanquet56 nach London für Lord Halifax mitgab. Anlaß dafür war, daß ihm britische Rundfunksendungen und Flugblätter, die die deutsche Bevölkerung ­gegen ihr Regime und den Krieg aufrütteln sollten, wenig überzeugend schienen. Er wies darauf hin, daß die Devise »Kreuzzug gegen die Nazi-Unterdrückung« nur dann Wirkung erzielen könne, wenn sie nicht von den Deutschen als reine Propaganda, der sie ohnehin überdrüssig seien, aufgefaßt werde. Statt dessen solle dahinter »die wirkliche Entschlossenheit stehen, den Frieden in Europa auf Gerechtigkeit und Gleichheit aufzubauen«. Für Trott war das ein gemeinsamer Kampf: »Unser Ziel muß eine in ganz Europa verbreitete Kampagne zur Einigung der Kräfte sein, um unsere gemeinsamen Traditionen vor der Barbarei zu retten.«57 Seinem Freund Astor gegenüber äußerte er die Hoffnung, daß man in England den Kampf für die Bewahrung der eigenen Freiheiten mit der Aussicht auf die Wiederherstellung der Freiheit überall verbinden und »eine klare Vision für ein neues Europa entwickeln« werde.58

Am 8. Dezember war Trott nach New York zurückgekehrt. Auch in diesen letzten Wochen ließ seine Aktivität nicht nach. Er selbst hielt seine Lage »in vieler Hinsicht für so einzigartig«, daß er es als einen »Mangel in seiner Lebensführung« ansah, »so wenig zum Schreiben zu kommen« und von den vielen Dingen und Menschen, denen er begegne, nicht etwas »für später festzuhalten«. Seine Arbeit im IPR beschrieb er jetzt als ein »Sammeln der verschiedenen angeknüpften Fäden und Ordnen des Materials«.59 Daneben verfaßte er für die Monatszeitschrift des Instituts, Amerasia, einen Beitrag, der unter dem Titel »Euramerasia« im Januar 1940 erschien. Angesichts »eines zweiten Weltkriegs am Horizont« legte er den Schwerpunkt seiner Argumentation auf die Bedeutung Amerikas als neutraler Führungsmacht. Ein Eingreifen der Vereinigten Staaten in den europäischen Krieg, so führte er aus, würde deren Einfluß im Fernen Osten erheblich zurückdrängen – zum Nachteil Chinas und zugunsten sowohl der Sowjetunion als auch Japans. Von ­einem deutschen Endsieg war bei ihm keine Rede, sondern davon, daß wohl weder im Nahen Osten noch in Europa ein entscheidender Sieg erreichbar sei.
Trott bereitete sich nun auf seine Abreise aus Amerika und den Rückweg nach Hause vor, der für ihn nur noch über Japan und die Sowjet­union offen war. Bevor er New York verließ, holte er ein ursprünglich im Sommer bei Cripps geplantes Treffen mit Karl Frank nach. Dieser, der auch unter dem Decknamen Paul Hagen auftrat, leitete die Auslands­arbeit der kleinen linkssozialistischen Widerstandsgruppe Neu Beginnen. Bei ihrem Gespräch in Ingrid Warburgs Wohnung überzeugte sich Frank zwar von der Vertrauenswürdigkeit Trotts, über eine gegenseitige Orientierung aber kamen sie bei dieser einen Begegnung nicht hinaus.60 Schon vorher hatte Frank in einem Brief dringend von einer Rückreise Trotts abgeraten, »da zu viele Menschen, wenn auch zuverlässige, von seiner Existenz wissen. Eine Anzeige wegen ›Kontakt mit dem Feind‹ bedeutet zweifellos die Todesstrafe.«61 Derartige Warnungen erhielt Trott mehrere. Es waren vor allem seine Freunde in England, die hofften, daß er in den USA bleiben und auf diese Weise sein Leben retten werde. David Astor ebenso wie das Ehepaar Cripps hatten erfreut und erleichtert auf die Nachricht seines Amerika-Aufenthalts reagiert.62 Ähnlich schrieb Wilfrid Israel: »How grateful I am to know you are in the USA – I pray to God you will be prompted to stay there.«63 Adam von Trott aber ließ sich dazu nicht bewegen. Für einen »Botschafter aller Deutschen guten Willens« und deren »Interpret und Vermittler«64, eine Rolle, die Wilfrid ihm vorschlug, sah er keinen Platz. Auch Davids beschwörend vorgetragene Ansicht, daß »sein Nutzen außerhalb Deutschlands als Planer für die Zukunft zehnmal größer sei als der eines Umstürzlers innerhalb«65, teilte er nicht. Trotz und wegen seiner Erfahrungen in einer Diskussionsgruppe, antwortete er, halte er seinen Nutzen im Ausland für sehr begrenzt. Zwar würde er auch in Deutschland nur eingeschränkte Wirkungsmöglichkeiten haben, dennoch brauche man dort unbedingt jeden, der etwas Überblick und Einsicht besitzt. Die Dinge dort einfach treiben zu lassen würde bedeuten, sich auch mit dem Blick auf die Zukunft der völligen Hoffnungslosigkeit zu ergeben.66
Noch vor seiner Abreise aus Berlin war Trott mit Dietrich Bonhoeffer zusammengekommen, um sich über dessen jüngste Amerika-Erfahrungen zu informieren. Dieser war im Sommer in New York gewesen und noch vor Kriegsausbruch zurückgekehrt. Obwohl auch seine amerikanischen Freunde ihm energisch abgeraten und verlockende berufliche Perspektiven eröffnet hatten, war Bonhoeffer zu der Überzeugung gelangt, daß er in den USA entbehrlich sei, in Deutschland aber bei der Gewissensnot seiner geistlichen Brüder gebraucht würde.67 Mögen sich auch ihre Motive unterschieden haben, die Entscheidung Bonhoeffers war Trott bekannt. Für ihn hatte die Rückkehr von Anfang an festgestanden. Als Julie Braun-Vogelstein nicht ablassen wollte, ihn zum Bleiben zu überreden, und interne Aktionen gegen die Nazis für aussichtslos erklärte, sei Trott, erinnert sie sich, in Zorn geraten und habe ihr deutlich zu verstehen gegeben, daß er dem verbrecherischen Treiben dieses Regimes gegenüber nicht in Untätigkeit verharren könne.68 Doch erfüllten ihn dabei keine übertriebenen Hoffnungen. Miriam Dyer-Bennet, die er auf ihre ausdrückliche Bitte hin unterwegs nach San Francisco besuchte, vertraute er an, daß er nicht mit seinem Überleben rechnete.
Nachdem er zuvor noch seinem Freund Hasso von Seebach ein kleines Köfferchen übergeben hatte mit allen Schriften und Briefen, die ihn in Deutschland gefährdet hätten, flog Trott in der Nacht vom 5./6. Januar 1940 nach Los Angeles. Dort war er mit Fritz Caspari verabredet, der ihn später nach Taft begleitete. Die FBI-Agenten waren überall dabei, und Trott ließ es sich nicht nehmen, die »nice simple cops«69 abzupassen, um ihnen die Nummer seines Mietautos mitzuteilen. Während er bei Miriam­ zu einem kurzen, versöhnlichen Abschiedsbesuch weilte, bewachten sie das Haus rund um die Uhr und verfolgten jeden ihrer Schritte draußen. Die letzten Tage wohnte Trott in San Francisco, suchte die Zweigstelle des IPR sowie verschiedene Bekannte auf und schrieb Abschiedsbriefe, darunter auch an Frankfurter. Am 12. Januar schiffte er sich auf der President Cleveland ein, noch immer mit den FBI-Agenten im Schlepptau. Sie verließen ihn erst am 18. Januar, als das Schiff nach Zwischenhalt auf Hawaii in Richtung Yokohama startete.

Das Geheimdienstdossier über den vermeintlichen Nazi-Spion war schnell auf Hunderte von Seiten angewachsen. Aus diesem Material ließ der FBI-Direktor Hoover drei ausführliche Berichte zur Information der Regierung erstellen.70 Sie gelangten über dessen Sekretär Edwin M. Watson auch in die Hände des Präsidenten. Der Lektüre konnte Roosevelt unschwer entnehmen, daß es sich bei dem beobachteten Deutschen um keinen Spion gehandelt hatte. Er spottete daher nachträglich über Frankfurters Verdacht: »For Heaven’s sake! Surely you did not let your Trott friend get trotted out of the country without having him searched by Edgar Hoover. Think of the battleship plans and other secrets he may be carrying back. This is the height of indiscretion and carelessness on your part.«71 Die Regimegegnerschaft Trotts wurde in den Memoranden ausdrücklich hervorgehoben, indem ihm die Absicht unterstellt wurde, »in den USA die Unterstützung einiger prominenter Personen für den Plan zu gewinnen, das gegenwärtige Regime in Deutschland zu stürzen«72. Was aber darin nicht vorkam, waren die Vorstellungen, die das Scheffer-Memorandum der amerikanischen Regierung hatte vermitteln sollen. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, daß Trott, wenn er nur die besagte Denkschrift in seinem Hotelzimmer hätte liegenlassen, diese durch die Vermittlung des FBI direkt auf dem Schreibtisch des Präsidenten gelandet wäre. Statt dessen erhielt dieser ein ganz anderes Memorandum lang und breit zu lesen, das die Agenten sich bemüht hatten abzuschreiben und zu übersetzen. Es enthielt allerlei Ideen über die Aufteilung Deutschlands und Europas in mehrere Föderationen; Trott hatte es zugeschickt bekommen und achtlos zur Seite gelegt.
Aber auch wenn es gelungen wäre, auf diesem oder anderem Wege die Argumente in der Kriegszielfrage an höchster Stelle vorzubringen, und sie dort freundliche Aufmerksamkeit gefunden hätten, gewonnen wäre damit noch nichts gewesen. Die amerikanische Regierung dürfte in dieser Phase ihrer außenpolitischen Unentschiedenheit wenig Interesse daran gehabt haben, sich derart eindeutig zu exponieren. Somit stellten der (von Trott selbst als Handicap betrachtete) fehlende Status als junger Mann ohne Rang, Amt und Einfluß und vor allem der ihn belastende Verdacht nur die ersten Hindernisse dar. Trotts Erfahrungen zeigten jedoch über den Einzelfall hinaus ein allgemeines Dilemma der Außenbeziehungen des deutschen Widerstands auf. Wenn sich das Mißtrauen gegenüber denjenigen Deutschen, die ihr Regime bekämpften, in den westlichen Ländern von vornherein daran festmachte, daß sie reisen durften, und nicht erkannt wurde, daß sie dies einer notwendigen Fassade verdankten, dann lief das letztlich auf die Unmöglichkeit weiterführender Kontakte hinaus.

Trott hatte seinen Aufenthalt in den USA jedoch mehr als einem einzigen Zweck gewidmet. Die Arbeit für das IPR und die Teilnahme an der Konferenz in Virginia Beach dienten ihm keineswegs nur als »Deckmantel«73 für andere Vorhaben, sondern entsprachen seinem echten Interesse an Ostasien. Im Hinblick darauf bewertete er seine Reise als »vollen Erfolg«74. Mit seiner Wahl zum ständigen Sekretär verband er die Hoffnung auf eine berufliche Perspektive. Die Aufgabe, eine deutsche IPR-Zweigstelle ins Leben zu rufen, verschob Trott auch nicht auf irgend­eine Zeit nach seiner Rückkehr, er nahm sie sofort in Angriff. Als die President Cleveland am 17./18. Januar Hawaii erreichte, nutzte er dies zu einem Treffen mit dem drei Jahre älteren Klaus Mehnert. Sie hatten sich zuletzt 1932 in Oxford gesehen, als dieser für den Deutschen Akademischen Austauschdienst die Rhodes-Stipendiaten dort besucht hatte. Nach mehreren Reisejahren in der Sowjetunion und einer Gastdozentur in Berkeley lehrte Mehnert jetzt Politische Wissenschaft an der Universität von Hawaii. Trotz seiner schon früher konstatierten politischen Distanz zu Mehnert75 beurteilte Trott ihn jetzt in einem Brief an Wolfram Eberhard als einen »tüchtigen und intelligenten Arbeiter und anständigen, zuverlässigen Charakter«76. Da Mehnert bereits auf pazifische Fragen spezialisiert war und »seit Jahren in näherer Beziehung zum IPR« stand, außerdem über perfekte russische Sprachkenntnisse verfügte, bot er sich als Mitglied eines deutschen Sekretariats geradezu an. Beide vereinbarten eine solche Zusammenarbeit, falls realisierbar. Ihr Gespräch hatte Trott dazu angeregt, die Sache seinem Freund Eberhard vorzustellen, obwohl sie sich, wie er zugab, »in einem noch so unreifen Vorsta­dium« befand. Ihn vor allem hoffte er zu gewinnen und bat ihn zugleich um weitere geeignete Personalvorschläge: »Wir dürfen um Himmels willen keine ehrgeizigen Intriganten hereinbekommen, aber auch nicht die harmlos fleißigen Gelehrten, die wir auf keinen internationalen Kongreß lassen können.« Den größten Wert legte er jedoch auf »menschliche« Zuverlässigkeit, die zweifellos die politische mit einschloß.77

Nach der fortgesetzten Anspannung der letzten Monate tat Adam von Trott die Schiffsreise auf dem Pazifik gut. Seine Briefe zeugen von Gleichmut und innerem Abstand. Die Gelegenheit, auf Hawaii, dem für ihn letzten westlichen Hafen, Post nach England aufzugeben, nutzte er zu einem langen Brief an Diana. Er schilderte einen exzentrischen multi­nationalen Mitpassagier, der bei guter Stimmung einen »gewissen mitteleuropäischen Politiker« nachzuahmen pflegte: mit geballten Fäusten, rollenden Augen und so laut schreiender Stimme, daß sich die anderen Reisenden auf dem Korridor versammelten, in der Annahme, daß jemand verrückt geworden sei. Neben solche vordergründigen Beschreibungen stellte Trott tiefsinnige Gedanken an, die schon seine letzte Welt­reise in ihm ausgelöst hatte, die er jedoch, wie er glaubte, keinem seiner Freunde habe vermitteln können: »Europäer, besonders die Intellektuellen, haben eine Art, die Welt in bestimmte moralische und ästhetische Verallgemeinerungen zu pressen und zu denken, die Welt gehöre ihnen und sie könnten von diesen Prämissen aus alles beurteilen. In Wirklichkeit ist die Welt weit größer, unfaßbarer und ganz gleichgültig gegenüber solchen selbstgefälligen Vorstellungen.« Trott sah eine Zukunft voraus, in der die Vorherrschaft Europas beendet sein und ein »Weltzeitalter« anbrechen werde. Dies werde völlig andere, neue geistige Anstrengungen erfordern. Aber auch Europa sei als Einheit tief verankert und werde »nach seiner vernichtenden Preisgabe« wiedererstehen. Da Trott nicht wußte, ob er der Freundin würde nochmals schreiben können, und er ihr die Sorge um ihn nehmen wollte, warf er einen seltenen Blick auf sich selbst: »Was auch immer geschieht, denke nicht, daß ich deprimiert oder verzweifelt bin. Ich habe am wenigsten Anrecht zu murren. […] Diese weiten Welten haben mich mit mehr Freude, Unabhängigkeit und Widerstandskraft ausgerüstet, als ich je hätte hoffen können.«78
Hinter Hawaii war die President Cleveland tagelang »heulenden Stürmen und wütenden Brechern« ausgesetzt, aber Trott, der bedauernd das Ende der Seereise herannahen sah, gefiel auch dieses Wetter. Ein Buchmanuskript Julie Brauns, das er auf ihre Bitte hin las, veranlaßte ihn zu einer grundsätzlichen Stellungnahme zu seiner Zeit, ihren Zerstörungen und Erfordernissen. Es war das letzte Mal, daß er sich so frei zu diesen Fragen geäußert hat, äußern konnte. Besonders auffallend ist der politische Realismus, der aus seinen Zeilen spricht: »Im Prinzip stimmen wir sehr überein […], aber ich fürchte, meine Generation teilt weder den Idealismus der Befreiungskriege noch den der Jugendbewegung vor und nach dem Kriege, obwohl sie in beiden mancherlei Verwandtes anerkennt. Sie hat die verheerenden Folgen eines Lösens aller Bindungen, das Grauen der moralischen und das Verzweiflungsvolle der politischen Anarchie zu empfindlich verspürt, um nicht in erster Linie nach praktischen Wandlungen, Realisationsmöglichkeiten und Ansätzen […] zu fragen.« Mit seiner Generation meinte Trott nicht diese insgesamt, sondern nur seine Gesinnungsgenossen, für die der Nationalsozialismus keinen Halt und keine Orientierung bot: »Auch ist das Politische zu sehr in Fluß geraten und hat sich der Werte und Ideen zu Schlagworten so vollständig und nihilistisch bemächtigt, daß sie ›an sich‹ keinen Haltepunkt zur Orientierung mehr abgeben.« Der Maßlosigkeit und Hohlheit der Sprache des Dritten Reiches stellte er die Forderung entgegen: »Unsere politische Sprache muß darum karger und bestimmter sein als irgendeine zuvor gesprochene.« Positiv gab Trott Frau Braun die Anregung, »Wert und Bewertung der Arbeit« zu untersuchen, da seiner Auffassung nach »in einer richtigen anthropologischen, moralischen und politisch-institutionellen Erfassung der Arbeit der noch unverbrauchte Ansatz einer nicht-idealistischen Erneuerung der besten sozialistischen und europäischen Überlieferungen zu finden ist«.79

Eigentlich hatte Trott mit einem früheren Schiff von San Francisco aufbrechen wollen, das aber schon ausgebucht war. Nach seiner Ankunft in Japan erfuhr er, daß dieses Schiff, die Asama Maru, vor der Küste von Yokohama von einem britischen Kreuzer gestoppt worden war und man die deutschen Passagiere heruntergeholt und verhaftet hatte. In Tokyo zog sich Trotts Aufenthalt ungewollt in die Länge, da das sowjetische Einreisevisum auf sich warten ließ. Er fuhr nach Kyoto, erneuerte seine Kontakte mit japanischen Professoren, traf sich mit dem Ehepaar Bohner und berichtete brieflich an Carter. Als er von der kurzfristig geplanten Reise des amerikanischen Außenstaatssekretärs Sumner Welles nach Rom, Berlin, Paris und London in der Zeitung las, bewog ihn dies, in einem Brief Walther Hewel indirekt vor der möglichen Ausweitung des Krieges auf die USA zu warnen. Falls Welles, der nicht dem »kriegstreiberischen Flügel« angehöre, mit dem Eindruck der Gefährdung Amerikas zurückkehre, führte er aus, so würden damit die mächtigen Kreise, die bislang noch einem Krieg entgegenstünden, entwaffnet.80
Am 16. Februar tauchte Trott in Peking auf, was Gustav Ecke freudig dessen Mutter meldete: »Bis vor ein paar Tagen waren wir im Ungewissen über Adam, von Amerika hatte er telegraphisch abgesagt. Aber dann kamen in der vergangenen Woche Brief, Telegramm und am Samstag Adam selber aus Japan, gesund, wohlgemut, allen Gefahren entronnen. Das ganze Haus ist in festlicher Stimmung.«81 Von Peking aus ging es weiter nach Vladivostok und von dort mit der Transsibirischen Eisenbahn nach Moskau. Daß Trott mit russischen Matrosen Skat gespielt hat, ist als einziges Detail von dieser Fahrt überliefert.82 Ebenso im dunkeln liegen auch die drei Tage, die er danach um den 9. März in Moskau zubrachte. Als Folge einer Lebensmittelvergiftung ging es ihm nämlich »kreuzschlecht«83 und er litt unter hohem Fieber. Die deutsche Botschaft (seine Postanschrift) hat er noch aufsuchen können, aber nicht die »interessantesten Möglichkeiten« nutzen, die ihm Empfehlungsschreiben amerikanischer Freunde eröffnen sollten, von einer Besichtigung der Stadt ganz zu schweigen. Da seine Aufenthaltserlaubnis nur auf drei Tage befristet war, mußte er sich trotz seines elenden Zustands – inzwischen hatte sich eine Gelbsucht entwickelt – auf die Weiterreise begeben und war von Moskau nach Königsberg, seiner nächsten Station, fünf lange Tage unterwegs.
Zum Glück lebten seine alten Freunde Erika und Götz von Selle84, die er seit seiner Schulzeit kannte, jetzt in Königsberg. Sie gewährten ihm bereitwillig Krankenasyl und kümmerten sich fürsorglich um ihn. Ein Arzt, der im selben Hause wohnte, übernahm die Behandlung. Aus den geplanten zwei Tagen Durchreisebesuch wurden drei Wochen. Nach halbjähriger Abwesenheit im Ausland nahm Trott erstaunt wahr, wie stark sich die Kriegssituation auf das Alltagsleben bereits auswirkte. Lebensmittelkarten waren zwar noch vor seiner Abreise eingeführt worden, aber inzwischen hatte sich die Ernährungslage sehr verschlechtert. »Schmalhans ist leider sehr Küchenmeister«85, schrieb er seiner Mutter, die antwortete: »Ich hatte schon befürchtet, daß Du unter der plötzlichen Unterernährung leiden würdest, an die wir uns allmählich gewöhnt haben.«86 Textilien unterlagen nun ebenfalls der Rationierung. Wenn ihr Gast dem Vergnügen frönte, im Bett chinesische Räucherstäbchen abzubrennen, so fürchtete Erika von Selle um ihre Laken, denn auch die waren nur noch schwer zu bekommen. Er versöhnte sie mit der Kostbarkeit eines großen Pakets Tee, das nachträglich aus China eintraf. Sobald es ihm besserging, er aber noch nicht reisefähig war, machte Trott die Untätigkeit zu schaffen, zumal er wegen seiner angegriffenen Augen nicht lesen durfte. An all dies erinnerte sich Selles Tochter Gabriele, damals eine 18jährige Schülerin, noch nach Jahrzehnten,87 ebenfalls daran, daß sie seine Briefe zur Post brachte, die häufig an ein Fräulein Clarita Tiefenbacher adressiert waren. Als Trott aufstehen konnte, begleitete er sie einmal ins Kino und soll über die Kriegspropaganda im Vorprogramm entsetzt gewesen sein.

Bei der Besichtigung Königsbergs führte ihn der Weg auch in die Schloßkirche. Der preußische König Friedrich I. hatte hier anläßlich seiner Krönung 1701 den Schwarzen Adler-Orden als höchste Auszeichnung des Landes gestiftet. Die Wände und Säulen der Kirche wurden seither zum Gedenken an die Ritter dieses Ordens mit ihren Wappen und Namen geschmückt. Trott soll andächtig die Wappenschilder seines Vaters und seines Großvaters mütterlicherseits betrachtet haben – Ehrungen ­einer untergegangenen Epoche. Vier Jahre später, in den letzten Augusttagen 1944, wird dieser Erinnerungsort, wird die Schloßkirche mit der ganzen Altstadt Königsbergs in Schutt und Asche fallen. Fast gleichzeitig wird Adam von Trott in Berlin-Plötzensee den Henkertod finden. Welcher Kontrast, daß man seiner später nicht in einer Ordenskammer, sondern in einer Hinrichtungsbaracke gedenken wird.