Yoram
Author:Ulrike Kolb
Rights sold: German
Genre:Novel 
Number of pages:300 
Edition: 
Editor:
Series: 
ISBN: 978-3-8353-0559-5 
ISSN: 
Publishing company:Wallstein Verlag, Göttingen 
The year of publishing:2009 
Origin Country:Germany  

Author and his oeuvre

Summary

Reviews

Sample text

Wenn ich doch nur die Jahre einfangen könnte, die Augenblicke,
die Bilder, die Geräusche, die Düfte … aber sie verwehen
wie die Zeit, gleichgültig gegen jedes Verlangen,
festzuhalten, was nur wir beide wissen, sie sind flüchtig wie
das Licht, das mit uns sein Spiel treibt, uns in Schwermut
versetzt oder in Euphorie … das aufstrahlende Licht nach
dem Regen und die winzige Lerche, die in die Höhe jagt, bis
wir sie aus den Augen verlieren und nur noch ihr Zwitschern
aus der Ferne hören …
Turmhohe Stahlträger, die soeben noch aus einem steinernen
Trümmerhaufen als Rest eines Hochhauses ragten
und jetzt in unglaublicher Geschwindigkeit ihren Aggregatszustand
änderten, sich wie weich gewordene Kerzen herabbogen,
um dann zu seltsamen Formen zu schmelzen und in
eine Mulde hellen Betonschutts zu fließen und eine silberne
Lache zu hinterlassen wie das zu Silvester als Zukunftsspiel
benutzte Blei über einer Flamme. Ich wusste nicht, wie mir
geschah. Ich saß in einer Art Vogelleib, Federn flatterten
nahe meinem Gesicht, so jagte ich in ab nehmender Höhe
über eine Stadt hinweg … ich saß in einem großen Vogel
und unter mir diese Stadt, die einmal wie Frankfurt aussah
und im nächsten Moment wie irgendeine andere Stadt.
Einen Moment glaubte ich, das Haus zu erkennen, in dem
ich damals wohnte, und dann wieder sah es aus, als sei es
eigentlich ein Gebirge, was da unter mir wegschmolz. In
meinen Sitz fixiert, war ich unfähig, mich zu bewegen, weder
meine Arme noch mein Kinn konnte ich auch nur einen
Deut zur Seite schieben. Mein Kopf steckte in einem ausgepolsterten
und unerbittlich festgestellten Helm, ja, wie ich
jetzt realisierte, war mein ganzer Körper auf diese unverrückbare
Weise in eine Halterung gesperrt, die genau auf
mich zugeschnitten schien und mir gerade deshalb keinen
Millimeter Bewegungsfreiheit ließ, sodass ich, nach unten
blickend, den Augenblick erwartete, in dem ich in den Spiegel
geschmolzenen Metalls eintauchen würde …
In diesem Moment muss ich irgendwelche Laute von mir
gegeben haben, ein Schnarchen oder Grunzen, ich hörte es
selbst noch im Aufwachen, die Hand meiner Nachbarin auf
dem Arm spürend, ihre Stimme in meinem Ohr, everything
o.k.?
Ich nickte und murmelte, Orientierung suchend, etwas
von excuse me, sorry … und griff nach dem vor mir stehenden
Glas Wasser, erleichtert, aus dem Traum aufgewacht
und wieder Herrin meiner Sprache zu sein. In Wirklichkeit
war ich im Flugzeug nach Tel Aviv und in einer besseren
Realität als der soeben erlebten. Ich schob die Rücklehne in
die Schräge, sank ins Polster und überließ mich den Geräuschen,
dem gleichmäßigen Brummen der Motoren, den
beruhigenden Ansagen der Stewardessen, den gedämpften
Schritten durch den Gang neben mir, dem Papierknistern in
meiner Nähe und den Stimmen des Paars zu meiner Linken.
Die beiden sprachen hebräisch, und da ich kein Wort davon
verstand, drang der Klang ihres Sprechens umso deutlicher
an mein Ohr, der raue Ton des Mannes, seine harten
Rachenlaute, und die singende Variante der Frau, das sich
oft wiederholende Sch, die Anhebungen ihrer Stimme, als
kleide sie alles, was sie sagte, in freundliche Fragen. Es war
ein einlullendes akustisches Gemisch, die Anspannung der
letzten Tage verzog sich, und endlich stellte sich das Glücksgefühl
ein, das mich immer befällt, wenn ich, auf dem Weg
in ein südliches Land, dem aschfarbenen Frankfurter Himmel
entkomme, oder all dem, wofür er in einem solchen
Moment herhalten muss.
Es war meine erste Reise nach Israel, vor vielen Jahren im
Herbst, und ein prächtiger Himmel spannte sich über Tel
Aviv. An den belebten Straßen und Plätzen wurden Palmwedel
für das Laubhüttenfest verkauft, und überall sah man
Leute, die Bündel wippender Zweige mit sich trugen.
Bereits am Flughafen hatte ich ein Hotelzimmer unweit
des Strands gebucht. Später sollte ich die Gegend gut
kennenlernen, denn die Idelsonstraße, wo bis heute Alizas
Wohnung liegt, ist ganz in der Nähe des Hotels, das es längst
nicht mehr gibt. Es befand sich in zwei oder drei Etagen
eines im Bauhausstil errichteten Gebäudes unweit des
Dizengoffplatzes. Der Besitzer war ein weißhaariger Mann,
der seine Rezeption in einem von dunklen Möbeln zugestellten
kleinen Raum betrieb.
Hoch oben an der Wand hinter ihm hing ein kyrillisch
beschriftetes Plakat, auf dem ein junger Schauspieler in
expressiver Pose zu sehen war. Das Gesicht weiß und die
Augen dunkel umrandet, posierte er theatralisch in einem
kahlen schwarzen Baum. Ich überlegte, was der Mann auf
dem Plakat mit dem Alten an der Rezeption zu tun haben
könnte. Vielleicht waren die beiden ja identisch, vielleicht
war der Mann an der Rezeption früher Schauspieler gewesen?
Er führte mich zu meinem Zimmer, das auf derselben Ebene
wie die Rezeption lag und in dem ein großes, bodentiefes
Fenster nach zwei Richtungen wies, sodass ich auf einen
Blick das ganze Hofpanorama vor Augen hatte, eine
schmale Baumkrone mit kleinen Blättern und die Veranda
des Nachbarhauses, auf der Kinder ihre Sachen ausgebreitet
hatten und eifrig redend spielten. Ich legte mich aufs Bett
und fiel wieder in einen wirren Traum, von dem nur ein Geschmack
von Unruhe zurückblieb. Es war schon spät, als
ich aufwachte, die Kinder waren verschwunden, und nur
noch ihre Spielsachen lagen auf dem Kindertisch und dem
Boden verstreut. Den Schlüssel gab ich an der Rezeption ab,
oder besser, in dem als Rezeption dienenden Zimmer, wo
der alte Mann jetzt vor einem Fernseher saß und, als ich hereintrat,
aufstand und wissen wollte, ob alles in Ordnung sei.
Jetzt wagte ich, auf das Plakat hinweisend, zu fragen, could
it be, that this man … Er zog die Brauen hoch und lächelte.
Was meinen Sie? Sehe ich so aus?
In diesem Moment war ich überzeugt, dass ich mit dem
Schauspieler auf dem Plakat sprach. Er erklärte mir den
Weg zum Strand, drückte mir einen kleinen Plan in die
Hand, auf dem er mir den Weg markierte, und geleitete
mich hinaus bis zum Hofeingang, um mir zu zeigen, welche
Richtung ich nehmen musste.
Während ich durch die lärmenden Straßen dem Meer
entgegenlief, ging mir der Mann auf dem Plakat nicht aus
dem Sinn. Wie er seinen Körper in die schwarzen Äste
schmiegte, sodass seine ausgestreckten Arme und Hände
wie deren seltsame Verlängerungen wirkten. Wann und wie
er wohl hier ins Land gekommen ist? War er schon vor dem
Krieg hier oder hatte er fliehen müssen? War er in einem
Lager gewesen? Was hatte er durchgemacht?
Es war unglaublich laut, Hupen, Mopeds, die sich zwischen
Autos hindurchschlängelten, schimpfende Stimmen,
vorbeijagende Popmusik aus geöffneten Autofenstern und
immer wieder, zwischen einem Schwall Autoabgas, der
plötzliche Duft nach Blüten und überreifem Obst.
Obwohl es schon spät war, hielt die Wärme noch an, und
ich streckte mich im aufgeheizten Sand aus. Der Strand war
belebt, als wäre es mitten am Tag, immer noch strömten
Leute herbei, immer noch wurde gebadet, Ball gespielt und
gepicknickt. Und jetzt sehe ich wieder das Licht, sein gläsernes
Leuchten, das alles verändert, das die Konturen
schärft und die Farben intensiviert, dieses unglaublich klare
Licht, das mich jedesmal in all den späteren Jahren von
Neuem überrascht hat. Das Rot meiner Jacke wirkte plötzlich
nicht mehr weich und warm, sondern hart und vulgär,
und obwohl sie ganz neu war, knüllte ich sie zusammen
und schob sie mir unter den Nacken. So blieb ich liegen, bis
die Sonne unterging. Sie glitt unglaublich schnell ins Meer,
und die Dunkelheit kam nicht allmählich, sondern stürzte
herab, sodass ich mich fragte, ob ich zwischendurch ein geschlafen
sei und ein Stück Zeit verpasst hätte. Wie in einem
Schauspiel flohen Grau, Rosa, Violett und Orange in schneller
Folge über den Himmel, bis es so gut wie dunkel war.
Erst dann raffte ich mich auf, verließ den Strand und schlenderte
durch das Viertel, das unmittelbar ans Meer grenzt.
Froh, für mich zu sein, ließ ich mich langsam treiben.
Bis heute ist es mir, wenn ich zum ersten Mal in einer
Stadt bin, am liebsten, mich nach niemandem richten zu
müssen, mich ganz meiner Neugier zu überlassen, meinem
Drang, so langsam zu laufen, wie es keinem Begleiter zuzumuten
wäre, vor Schaufenstern stehenzubleiben, selbst wenn
nichts Besonderes darin zu sehen ist, einfach irgendwo haltzumachen
und mir etwas anzuschauen, das einen anderen
vielleicht langweilen würde (wie das in die Nische eines
Eingangs geschobene Gerümpel, aufgeklappte alte Koffer
oder die Familienporträts im Schaufenster eines Fotografen).
Immer wieder blieb ich stehen, um den Blick in eine
von Pflanzen umrankte Veranda zu werfen, durch geöffnete
Fenster zu sehen, in beleuchtete Räume, Leute zu beobachten,
wie sie an Tischen sitzen, vor Fernsehern, mit angezogenen
Beinen auf Sofas, und mir ihr Leben vorzustellen.
So streifte ich durch die Gegend, bis ich die Orientierung
verloren hatte und nicht mehr wusste, in welcher Richtung
das Meer lag. Irgendwann landete ich in einer belebten Straße,
der Dizengoff, wo in einem Café unter freiem Himmel
gerade ein Tisch in der ersten Reihe frei geworden war, an
dem ich mich erschöpft niederließ.
Eine ganze Weile saß ich da, ohne beachtet zu werden.
Als ich mich umblickte, um nach einer Bedienung zu suchen,
beugte sich der Mann vom Nachbartisch zu mir herüber,
can I help you?
Es dauerte nur ein paar Worte hin und her, und er setzte
sich zu mir. Ich war froh über seine Freundlichkeit, denn mir
war schon der Gedanke gekommen, man lasse mich warten,
weil man mir ansehen könne, dass ich eine Deutsche bin.
My name is Asher, sagte er, und als ich meinen Namen
nennen wollte, fiel er mir, jetzt in einem jiddisch gefärbten
Deutsch, ins Wort: Nein, nein, sag nicht, wie du heißt, ich
weiß es doch.
Er machte eine suchende Handbewegung, die in einem
fingerschnippenden ›Ich hab’s‹ endete. Du bist Ingeborg,
ich weiß, dass du Ingeborg bist … alle deutschen Frauen
heißen doch Ingeborg.
Und auf mein ›Wieso denn das?‹ flachste er weiter:
… und alle deutschen Männer heißen Hans. Und protestisch
bist du bestimmt auch. Es kommen nämlich viele
Deutsche hierher, weil sie fromm sind.
Er blickte mir forschend ins Gesicht. Ich dachte mir,
dass er protestantisch meinte, sagte aber nichts.
Also, du bist protestisch, du heißt Ingeborg und du hast
dich in einen Israeli verliebt!
Ich muss etwas verwirrt gelächelt haben, und mein ironisch
gemeintes ›Natürlich‹ klang so wenig schlagfertig in
meinem eigenen Ohr, dass mein Gesicht, wie immer, wenn
ich verlegen werde, auf der Stelle anfing zu glühen.
Du bist in einen Israeli verliebt, und er heißt David, fuhr
er fort, stimmt’s?
Er blickte mich mit hochgezogenen Brauen an, als hätte
er mich durchschaut, und machte dabei ein so komisches
Gesicht, dass ich laut lachen musste. Und als ich sagte, dass
ich nach Israel gekommen sei, um einiges über Kibbuzerziehung
zu erfahren, wollte er wissen, wer mir diesen Floh
ins Ohr gesetzt habe, das sei doch längst passé. Ja, die Kibbuzkinder,
die im Kinderhaus leben müssten, seien doch
bemitleidenswerte Geschöpfe, schon als Säuglinge würden
sie ihren Müttern weggenommen, was die größten Schäden
für die armen Seelen bewirke.
Darf man einem kleinen Kind, so einer ›Sisskeit‹, das antun?
Er habe einen Freund, der so aufgewachsen sei und der
bis heute darunter leide. Ich blickte ihn fragend an. Ja, dieser
Freund sei auf immer verdorben worden dort. Nie könne
er allein sein, immer brauche er mindestens sieben oder
noch mehr junge Frauen um sich, und er sah mich dabei so
amüsiert an, dass ich endlich merkte, dass er dabei war,
mich auf den Arm zu nehmen, und wahrscheinlich sagte er
auch mit Absicht ›protestisch‹.
Ich bestellte mir ein Glas Rotwein, und er erzählte, er sei
in einem Viertel von Jerusalem geboren, wo nur orthodoxe
Juden wohnen. Mit drei Jahren habe er schon lesen können.
Später sei er zur Armee gegangen, das sei für ihn der einzige
Ausweg gewesen, sich aus der Enge in Mea Shearim zu befreien.
Als ich an diesem Abend im Bett lag, drehte sich mir
der Kopf, als hätte ich nicht nur das eine Glas Wein, sondern
drei oder vier getrunken. Und vielleicht ahnte ich ja,
dass diese Reise eine Art Schicksalsreise für mich werden
sollte. Tags drauf fuhr ich mit dem Bus Richtung Jerusalem
und stieg an der Haltestelle Latrun aus, wo, wie zuvor telefonisch
ausgemacht, eine Frau mit einem alten und etwas
ramponierten VWBus
wartete, um mich in den Kibbuz
mitzunehmen. Dort machte ich mich gleich zum Kinderhaus
auf, aber nur eine Mutter und ihr Sohn waren noch da,
der Sohn spielte mit einer Katze, und die Mutter fotografierte
ihn dabei.