Nichts, das mich hält
Author:Jürg Halter
Rights sold: German
Genre:Lyric Poetry 
Number of pages:56 
Edition:
Editor:
Series: 
ISBN:978-3-250-10601-2 
ISSN: 
Publishing company:Ammann Verlag Zürich 
The year of publishing:2008 
Origin Country:Switzerland 

Author and his oeuvre

Summary

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Sample text

Unbedingt

Neun Millionen km2 mißt die Sahara,
die größte Trockenwüste der Erde.

Durch eine nicht erwiderte Liebe
komme ich noch einmal zu Bewußtsein.

Wie im unbegrenzten Feld ein Soldat,
lange vor oder lange nach der Schlacht.

Dieses Haus hat gebrannt oder
dieses Haus wird noch brennen.

Es scheint, ich sei zur Vernunft gekommen,
um nichts mehr verstehen zu müssen.

Einen Tag weniger in dieser Wüste,
ein Tag mehr an unerfüllter Erinnerung.

So knie ich hier, sehe zu wie zwischen
meinen Fingern Sand zerrinnt.

Was ich nicht sehe, sieht niemand.
Es ist absolut — unbedingt.
(Seite 9, Einheit I)

Das Gespräch

Vor nicht allzu langer Zeit
trafen sich Suizid und Heldentod
in einer Konkurs gegangenen Bar
zum Gespräch über den Nutzen der Sehnsucht.

Noch hatte keiner der beiden das Wort ergriffen,
da löste sich von der Decke der Kronleuchter.
Begrub die zwei Tunichtgute unter sich. -
Das Gespräch, das sie führten, hält bis heute an.
(Seite 11, Einheit I)

Geburt oder Tod

Eine prächtige Allee entlang
sammle ich Kastanien ein.
Springe laut lachend in die
bunten Blätterhaufen.

Das ist der Herbst, den ich mir
als Kind erträumte.

Ich nehme auf dem Dach der Garage
meiner Eltern Platz.
Schließe die Augen und
aus meinen Händen strömt das Laub...

Zur unmöglichsten Zeit
kehre ich, der Fremdgewordene, heim.

Stehe vor dem Haus und stelle mir vor,
wie ich mich in Mutters Schoß verkrieche — verschwinde.

Stelle mir vor, wie ich an der Nabelschnur ziehe,
wie so das Licht ausgeht und
ich im Dunkeln auf und
davon.
(Seite 21, Einheit II)

Rücktritt eines Denkmals

Heute ist aber mal wieder besonders heute,
murmelt der Prophet in seinen Marmorbart,
während er feierlich vom Sockel steigt.
(Seite 34, Einheit III)


Stilleben

Eine Schnee-Eule und eine ausgeweidete Maus
auf einem Küchentisch.
Dazwischen ein Korb faulender Früchte.

In der Besteckschublade wühlt der Schnabel einer Elster.
Ein Eichhörnchen knackt Nüsse.
Drei Igel kugeln vor dem Backofen.

An der Wand über dem Tisch hängt ein Gewehr;
im Lauf schläft ein Nachtfalter
seinen traumlosen Schlaf.
Die Standuhr tickt: Alles ist in Ordnung.

Plötzlich öffnet jemand die Tür zur Küche.
Der Dachs zerrt den Stöpsel aus dem Abfluß,
und die Tiere ziehen, simsalabim,
zurück in den Wald.
(Seite 45, Einheit IV)